Wenn irgendwo auf der Welt Menschen auf die Straßen gehen, wenn Panzer rollen, überraschende Wahlergebnisse bekannt werden oder ein Politiker über einen Skandal stürzt, beginnt Tina Fordhams abgenutzter Blackberry nervös zu blinken. Dann sagt sie alle Termine ab und geht der Sache auf den Grund.

Tina Fordham arbeitet nicht für einen Geheimdienst, sie gehört keiner Regierung an und schreibt auch nicht für eine Nachrichtenagentur. Sie ist bei der amerikanischen Citibank angestellt. Schon ihr Jobtitel ist etwas Besonderes: Chefpolitologin. Banken beschäftigen Chefökonomen, Chefaktienanalysten, Chefjuristen – dass eine Politikwissenschaftlerin in der Finanzwelt Karriere macht, ist ungewöhnlich.

Und könnte doch schon bald zur Normalität werden.

Flüchtlinge, Brexit, Ukraine: Die Welt befindet sich in einer Art permanentem Krisenzustand. In der Türkei putscht das Militär gegen die Regierung, in den Vereinigten Staaten bewirbt sich mit Donald Trump ein Mann um das Präsidentenamt, der internationale Handelsabkommen aufkündigen will, und in Frankreich wollen die Rechtspopulisten des Front National die Banken verstaatlichen und den Euro abschaffen.

Das hat Folgen für Aktienkurse, Anleiherenditen und Rohstoffpreise. Als die Briten für den Austritt aus der EU stimmten, rauschte das Pfund in die Tiefe; als der Westen Sanktionen gegen Russland verhängte, kollabierte die russische Börse – und die Rating-Agentur Moody’s hat ausgerechnet, dass der amerikanische Aktienmarkt um mehr als zehn Prozent nachgeben könnte, wenn Trumps Wahlkampfversprechen umgesetzt werden.

Deutsche Privatanleger mussten schon erfahren, dass eine politische Fehleinschätzung teuer werden kann. Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise beschloss Griechenland unter dem Druck der deutschen Regierung, den Besitzern griechischer Staatsanleihen nur die Hälfte des ausstehenden Betrags zurückzuerstatten. Dabei hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble einen solchen Schuldenschnitt zuvor ausgeschlossen. Wer ihm glaubte, der hat viel Geld verloren.

Es sind Episoden wie diese, die den Aufstieg von Spezialisten wie Tina Fordham erklären. Traditionell hält sich das Interesse für Politik an der Börse in Grenzen. Man orientiert sich an Unternehmenszahlen, Zinsaussichten und Konjunkturprognosen. Doch in einer Welt, in der nichts mehr sicher ist, sind finanzmathematische Kenntnisse kein Garant mehr für den Erfolg. "Nichts kann ein Anlageportfolio in diesen Zeiten härter treffen als unvorhergesehene politische Ereignisse", so eine Studie der Bank of New York.

Trotzdem musste sich Fordham selbst einstellen. Sie stammt aus Kalifornien, wo sie zunächst Literatur studiert hat. Als die Berliner Mauer fiel, begann sie sich für Politik zu interessieren. Sie wechselte das Fach, und nach dem Abschluss an der Columbia-Universität in New York hat sie die britische Regierung beraten. Auf einer Konferenz überzeugte sie den Leiter der Forschungsabteilung der Citi, dass die Bank von einer Zusammenarbeit profitieren würde. Es dauerte eine Weile, aber inzwischen – sagt sie – schätze man ihren Rat.

Fordhams wichtigste These: Die Welt ist ein unsicherer Ort geworden. Mehr Umstürze, mehr bewaffnete Konflikte, mehr Referenden mit schwer kalkulierbaren politischen Folgen – und zwar nicht nur in Schwellenländern, sondern auch in den vermeintlich stabilen Industrienationen. Daran musste man sich in den Handelsräumen erst einmal gewöhnen.

Viele Banker an der Wall Street oder in der Londoner City sind geprägt von den friedlichen neunziger Jahren, als es nur als eine Frage der Zeit galt, bis sich Kapitalismus und Demokratie überall auf dem Globus durchgesetzt haben. Die Welt war noch einigermaßen überschaubar, und man musste sich als Investor nicht allzu ausführlich mit ihr befassen.

Wer heute so denkt, kann jedoch viel Geld verlieren. "Als Putin die Krim besetzt hat, haben viele Händler 'Krim' gegoogelt und sich gedacht: Nicht weiter tragisch, das war sowieso früher russisches Territorium, und schon aus ökonomischen Gründen haben alle Seiten ein Interesse daran, den Konflikt schnell zu beenden", sagt Fordham.

Dass die gewaltsame Verschiebung von Staatsgrenzen vom Westen als ein Angriff auf die internationale Ordnung gesehen und deshalb nicht einfach so hingenommen werden würde und dass Putin womöglich nicht in ökonomischen Kategorien denke – das habe man an den Märkten nicht gesehen.