Die Niederlassung der amerikanischen Kanzlei Baker&McKenzie in Frankfurt liegt direkt gegenüber dem Hotel Steigenberger Hof. Mainufer und Altstadt sind wenige Gehminuten entfernt. Dort arbeitet, wer juristische Elite-Abschlüsse mit Top-Noten vorweisen kann. Hariolf Wenzler ist in dieser Welt ein Exot. Er hat weder Recht in Oxford studiert, noch war er jahrelang Partner – und doch ist er seit August neuer Chefstratege der Kanzlei für Deutschland und Österreich. Für eine altehrwürdige Anwaltskanzlei mit klaren Hierarchien ist das eine kleine Revolution.

Hariolf Wenzler kann nämlich etwas, was die großen Kanzleien dringend suchen. Als jahrelanger Geschäftsführer der Bucerius Law School hat er sich frühzeitig mit der aufkommenden Legal-Tech-Bewegung beschäftigt. Er hat den Markt in den USA und Großbritannien beobachtet, wo der Wandel deutlich früher begonnen hat als in Deutschland. Allein Google pumpte zwischen 2009 und 2014 fast 40 Millionen Dollar in den Online-Rechtsdienstleister Rocket Lawyer.

Bisher funktioniert das Geschäftsmodell einer Anwaltskanzlei meist so: Bekommt die Kanzlei einen Auftrag, erledigen Jungjuristen die Fleißarbeit. Der Partner widmet sich den kniffeligen Fragen, die am Ende offenbleiben. Wenn nun ein Algorithmus die Arbeit der Jungjuristen binnen Minuten erledigt, funktioniert das nicht mehr. Hariolf Wenzlers Aufgabe ist es, den Mitarbeitern von Baker&McKenzie diesen Umstand klarzumachen und neue Geldquellen zu erschließen. "Eine Möglichkeit ist, dass Juristen künftig nicht erst dann für Unternehmen tätig werden, wenn rechtliche Fragen zu lösen sind, sondern von Anfang an in die Planung von Projekten miteinbezogen werden", sagt Wenzler.

Ähnlich positiv blickt man bei der Londoner Kanzlei Freshfields auf die Veränderungen. "Wenn Routineprozesse in Zukunft von Algorithmen erledigt werden, können sich unsere Anwälte stärker auf komplexere Aufgaben konzentrieren", sagt Isabel Parker, Leiterin des Freshfields-Innovationsteams. Die Kanzlei arbeitet nicht nur mit Leverton zusammen, sondern setzt auch die kanadische Software Kira Systems zur Vertragsanalyse ein. Die selbstlernenden Programme liefern mit jedem weiteren Vertrag, den sie analysieren, präzisere Ergebnisse.

Längst ist der Wandel in der Rechtsbranche auch zu den Unis durchgedrungen. So bieten die Bucerius Law School in Hamburg, aber auch etwa die Uni Münster und die Ludwig-Maximilians-Universität in München Seminare zum Thema Legal-Tech an. In anderen Städten hinkt die Lehre dem technologischen Fortschritt dagegen hinterher: An der Universität Bonn zum Beispiel, immerhin einer der besten Jura-Universitäten Deutschlands, hat man sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt.

In Berlin-Mitte ist von dieser Trägheit nichts zu spüren. Leverton-Chef Micha-Manuel Bues hat für die nächsten Monate klare Pläne. Gerade eröffnet das Start-up sein erstes Büro in New York. Außerdem soll noch im September eine überarbeitete, leichter zu bedienende Variante des Programms auf den Markt kommen. "In einigen Jahren werden wir mit unserer Software nicht mehr nur Verträge auslesen können, sondern auch prüfen können, ob die einzelnen Klauseln alle vollständig und korrekt formuliert sind", sagt Bues. Er sagt das ganz ruhig. Es ist eine Feststellung, keine Vision.