In Chicago, der Stadt Barack Obamas, ist er fast so populär wie der US-Präsident. In Wien und Salzburg wird er seit 45 Jahren verehrt. Seine Heimat Italien, wo er den Maggio Musicale Fiorentino, die Mailänder Scala und die Oper in Rom leitete, vergöttert ihn geradezu – letztes Jahr brachte man ihn sogar für den Quirinale ins Gespräch, also als Staatsoberhaupt: Riccardo Muti ist einer der berühmtesten Dirigenten der Welt. Im Juli ist der gebürtige Neapolitaner 75 geworden. Wir treffen ihn in seinem Haus in Ravenna. Bei dem Gespräch ist sein Hund dabei, ein kleiner Boston-Terrier namens Attila, den freilich nichts mit dem kriegerischen Hunnenkönig verbindet, der Giuseppe Verdi einst zu einer Oper inspirierte.

DIE ZEIT: Maestro, das Leben eines Dirigenten scheint voller Erfolge und Glamour zu sein. Leben Sie ein solches Leben, haben Sie es gelebt?

Riccardo Muti: Ich verstehe Ihre Frage rhetorisch: nein, natürlich nicht. Wissen Sie, das Podium ist kein Ort der Macht, sondern eine Insel der Einsamkeit. Von außen betrachtet mag das Leben eines Musikers glamourös scheinen, aber im Inneren, im Kern ist es sehr, sehr hart. Es besteht aus enorm viel Arbeit, und man muss auf fundamentale Dinge verzichten. Es ist kein normales Leben. Für mich war es immer schwer, trotz all der vielen notwendigen Opfer und des Verzichts auf die ganz einfachen Dinge des Lebens so etwas wie eine Balance zu finden.

ZEIT: Kommen daher auch die Brüche und Paukenschläge in Ihrer langen Karriere? Ihre Zerwürfnisse mit der Scala oder der römischen Oper sind legendär. Das Konzert zu Prinz Charles’ 60. Geburtstag 2008 im Buckingham-Palast sagten Sie mit den Worten ab, Sie seien kein Entertainer – nachdem man Sie zweimal um Kürzungen im Programm gebeten hatte. Mögen Sie vielleicht keine Kompromisse?

Muti: Nein, ich mag keine Kompromisse, und zwar nicht weil ich im Besitz der absoluten Wahrheit wäre, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass es unmöglich ist, im Widerspruch zum jeweiligen künstlerischen Partner oder zu einer Institution zu arbeiten. Das gebietet mir der Respekt vor der Würde des Publikums und auch vor mir selbst.

ZEIT: Worin besteht die Beziehung zwischen einem Dirigenten und einem Orchester? Welche Rolle spielt das, was man Charisma nennt?

Muti: Mit Charisma wird man geboren, heißt es nicht so? Ein mysteriöses Wort. Sprechen wir lieber von Persönlichkeit. Entscheidend im Verhältnis zu einem Orchester sind die eigene Kultur und das Wissen um die Kunst. Instinkt und Intellekt müssen Hand in Hand gehen. Ein Orchester spürt sofort, ob ein Dirigent kompetent ist und Autorität besitzt. Hinzu kommen seine menschlichen Eigenschaften, die eine Brücke zu den Musikern bilden sollten, sodass diese seine Interpretation respektieren und akzeptieren können, auch wenn Einzelne vielleicht nicht damit einverstanden sind.

ZEIT: Wie sehr haben sich Ihre musikalischen Interpretationen verändert? Wie abhängig sind Sie dabei von den jeweiligen Klangkörpern, von Orten, der eigenen Stimmung?

Muti: Jede Interpretation ändert sich mit der Zeit, weil wir uns verändern. Der Blick auf die Welt, die Gesellschaft wird schärfer. Wir verändern uns aufgrund von persönlichen Erfahrungen und im Austausch mit der Welt. Jede Interpretation gilt für den Augenblick, sie ist nicht definitiv. Ich mag das Sprichwort zwar nicht, aber es ist etwas dran: Es gibt nichts Definitives auf der Welt, nur der Tod ist definitiv. Es gibt eine Interpretation, die sich im Laufe der Jahre ändert, und es gibt die tägliche Interpretation, die abhängig ist von der Atmosphäre, der Akustik, vom Publikum, vom künstlerischen und menschlichen Bezug zu den Musikern. Alles Elemente, die positiv wie negativ wirken können. Das ist ja das Schöne daran, dass eine Interpretation in den Details, nicht in der Substanz, jeden Abend variieren kann: Es ist ein Beweis unserer Vitalität, sonst könnten wir Platten auflegen. Brahms dirigierte seine Symphonien bekanntlich jedes Mal anders. Heute ist man da mental viel technischer drauf.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

ZEIT: Mittlerweile gilt es fast als anrüchig, vom "deutschen Klang" zu sprechen, als steckte hinter dem Begriff eine nationalistische Gesinnung. Trotzdem unterscheiden sich deutsche Orchester klanglich bis heute von amerikanischen oder russischen. Was macht für Sie den Klang eines Orchesters aus?

Muti: Der Klang ist Ausdruck der Kultur eines Volkes. Früher war es einfach, zwischen dem deutschen, dem österreichischen, dem französischen, dem italienischen und dem russischen Klang zu unterscheiden. Heute, unter dem Diktat der Technologie und der Globalisierung, klingen viele Orchester gleich, einfach weil sie nach der Perfektion einer CD streben. Auf diese Weise büßen sie ihre Individualität ein. Wir erleben gerade eine eklatante Nivellierung des Klangs. Gott sei Dank gibt es noch Ausnahmen wie die Berliner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Wiener Philharmoniker und einige US-Orchester. Selbstverständlich wird der Klang auch von dem künstlerischen Konzept des jeweiligen Dirigenten geprägt, das wiederum das Ergebnis seiner Kultur, Herkunft und Erfahrung ist. Aus der Verschmelzung beider Klangvisionen, der dirigentischen und der orchestralen, ergeben sich immer wieder neue, hochinteressante Konstellationen.