Reich sind immer die anderen – Seite 1

Zwei Tage, 78 Workshops, 1.000 Teilnehmer: Wenn die Bundeszentrale für politische Bildung über Arm und Reich diskutieren lässt, dann gründlich. Alle erdenklichen Aspekte arbeiteten die Teilnehmer ihres Ungleichheits-Kongresses im vergangenen Jahr routiniert ab: bis zur, na klar, "Krise des Kapitalismus" (Workshops 60 und 61). Nur eines wunderte die nach Duisburg angereisten Bildungsfachleute: Wer sind eigentlich diese Reichen? Doch nicht etwa wir!

"Ihre Zahlen müssen falsch sein!", empörte sich ein Teilnehmer des "Vertiefungsworkshops Arm und Reich" bei der Referentin. "Wenn das stimmen würde, na, dann müssten wir ja alle hier schon mindestens zur oberen Mittelschicht gehören! Das kann ja gar nicht sein!" Doch, beteuerte Judith Niehues, die Referentin vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln, die Daten seien mit amtlichen Steuerdaten abgeglichen: Wer als Single mehr als 2.600 Euro netto habe, gehöre bereits zur besserverdienenden Minderheit, da könne man von oberer Mittelschicht reden, und wer mehr als 3.200 Euro habe, gehöre sogar zu den reichsten zehn Prozent im Land. Die Zahlen seien richtig. Falsch sei das Gefühl, nicht dazu zu zählen.

Niehues ist promovierte Volkswirtin und Verteilungsexpertin. Sie hat das schon oft erlebt, sogar im eigenen Institut: Ungläubigkeit und Erstaunen, wenn sie die Fakten präsentiert. Und anderen Experten geht es ähnlich. Sie sagen: Es gibt die reale Einkommensverteilung, und es gibt eine gefühlte Einkommensverteilung. Beides hat nicht viel miteinander zu tun. Vor allem Besserverdiener wollen oft nicht glauben, dass sie genau das sind: besserverdienend. Oder sogar reich. Die Statistiken und die Gefühle klaffen so weit auseinander, dass die politische Debatte über Ungleichheit voller Widersprüche steckt. Es ist, als diskutierte man mit Schizophrenen.

Das Phänomen der gefühlten Ungleichheit beschränkt sich nicht auf Deutschland. Die Menschen in den meisten Ländern hätten schlicht "keine Ahnung", wie das Geld verteilt sei, stellt der amerikanische Sozialforscher Daniel Treisman fest. "Selbst was sie wirklich zu wissen glauben, ist oft falsch." Treisman, Professor an der University of California in Los Angeles, hat zusammen mit dem Russen Vladimir Gimpelson internationale Erhebungen ausgewertet. Ein Beispiel: Bei einer Umfrage wurde ermittelt, wer ein Auto besitzt, eine Wohnung und noch eine weitere Immobilie. Mit dieser Ausstattung gehört man überall auf der Welt zu einer kleinen – überdurchschnittlich wohlhabenden – Elite. In 35 untersuchten Ländern gaben im Schnitt bloß sieben Prozent der Bevölkerung an, das alles zu besitzen, in Deutschland nur sechs Prozent. Doch fragt man diese Menschen, wo sie sich im Spektrum zwischen Arm und Reich einordnen, sehen sie sich fast alle in der Mitte der Gesellschaft. Fast 60 Prozent dieser Doppel-Immobilienbesitzer glauben sogar, sie gehörten zur ärmeren Hälfte. Krasser kann man kaum danebenliegen.

Man muss keine Millionen besitzen, um zum reichsten Zehntel zu gehören

Auf zwei Dinge schauen Ökonomen, um zu entscheiden, wo jemand wirtschaftlich steht: sein Vermögen und sein Einkommen. Vor allem für die Einkommensverteilung gibt es verlässliche Daten. Und sogar so etwas wie eine amtliche Definition für Reichtum: Wer das Doppelte des mittleren, bedarfsgewichteten Einkommens zur Verfügung hat, gilt als reich. So hat es die Bundesregierung festgelegt, die gesetzlich verpflichtet ist, regelmäßig einen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen. Danach beginnt Reichtum bei einem monatlichen Netto von etwa 3.100 Euro. Das ist der Wert für einen Single. Ein Paar braucht mehr, um einen vergleichbaren Lebensstandard zu erreichen, die Schwelle zum Reichtum liegt hier bei mindestens 4.600 Euro. Je nachdem, welche Einkommensstatistik man verwendet, können die Zahlen auch noch etwas höher liegen. Viele Ärzte, Anwälte, Ingenieure, auch manche Lehrer oder Journalisten erreichen spielend diese Werte. Kann man da wirklich von Reichtum sprechen? Oder ist vielleicht doch etwas falsch mit den Statistiken?

So absurd, wie es erscheinen mag, ist die amtliche Definition nicht. Denn 92 Prozent der Bevölkerung haben nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes tatsächlich weniger Geld zur Verfügung, nur 8 Prozent liegen über dieser Schwelle. Ob man das nun reich nennen will, oder ob man lieber von Besserverdienern spricht – klar ist: Wer so viel verdient, gehört zu einer vergleichsweise schmalen Oberschicht. Es ließen sich noch kleinere Gruppen abgrenzen, noch weiter oben, etwa ab dem Dreifachen des mittleren Einkommens. Die Bundesregierung nennt auch diese alternative Reichtumsschwelle. Das wären bei einem Single 4.700 Euro netto im Monat. So viel haben nur noch eineinhalb Prozent der Bevölkerung. Doch wo immer man die Grenze zieht: Den meisten Gut- und Topverdienern ist gar nicht bewusst, wie viele Menschen erheblich weniger als sie verdienen.

Bei den Vermögen gibt es keine offizielle Reichtumsschwelle. Häufig gelten aber die zehn Prozent der wohlhabendsten Haushalte als besonders reiche Schicht, auf die die Sozialforscher gucken. Und auch die diversen "Reichtumsuhren" im Internet, die anzeigen sollen, wie rasant sich der Besitz der Geldelite vermehrt, schauen auf diese Gruppe. Mehr als zehn Billionen Euro soll das Gesamtvermögen dieses reichsten Zehntels der Bevölkerung derzeit betragen, heißt es zum Beispiel auf der Homepage der Kampagne "Vermögensteuer jetzt!". Was sie nicht verrät: ab wie viel Geld man zu diesem obszönen Club gehört. Muss man Millionen besitzen oder Milliarden?

Die Illusion über die eigene Lage

Laut einer Studie der Bundesbank genügen 468.000 Euro. Gezählt wird dabei jede Art von Vermögen, ob Eigenheim, Sparkonto, Auto, Lebensversicherung oder eigene Firma. Jeder zehnte Haushalt besitzt der Bundesbank zufolge mehr als diese Summe. Aber die meisten Mitglieder dieses Clubs dürften überzeugt sein, ihm nicht anzugehören. Doch nicht ich mit meinem kleinen Häuschen! Nicht ich mit meinem kleinen Handwerksbetrieb! Wirklich reich, das sind doch andere Leute. Der Maschmeyer zum Beispiel. Oder die Geissens. Oder die Frau Klatten von BMW. Und wahrscheinlich sind die wiederum überzeugt: Richtig reich, das sind doch andere, Bill Gates zum Beispiel oder Warren Buffett.

Die meisten Reichen glauben tatsächlich, dass sie nicht gemeint sein können, wenn in Zeitungen und Fernsehen von den Reichen die Rede ist. Sie geben nicht bloß vor, sich der Mitte zugehörig zu fühlen, etwa um damit ihren wahren Reichtum zu verschleiern. Wer bei einer Befragung verrate, dass er zwei Immobilien besitze, meinen die Forscher Gimpelson und Treisman, der versuche nicht, seinen Wohlstand zu verheimlichen. Wenn er dann aber trotzdem behaupte, er gehöre zur Unterschicht, spreche das "eher für Konfusion statt für die Absicht zu täuschen".

Mehr als 80 Prozent wollen angeblich mehr Umverteilung – aber das ist leeres Gerede

Woher rührt diese Verwirrung? Auch die meisten Armen schätzen ihre Position im Einkommensgefüge falsch ein. Das zeigt zum Beispiel eine Umfrage der Industrieländerorganisation OECD, an der weltweit bereits mehr als eine Million Menschen teilgenommen haben. Überall ergab sich das gleiche Muster: Die Reichen halten sich für ärmer, als sie sind, und die Armen für reicher. Offenbar neigen alle Menschen dazu, sich zur Mittelschicht zu zählen. Bei den Armen kann man sich das so erklären, dass sie mit dieser verzerrten Sicht ihr Selbstwertgefühl steigern. Psychologen sprechen von self-enhancement. Womöglich verringert umgekehrt mancher Wohlhabende ein aufkommendes Unwohlsein, wenn er sich einredet, gar nicht so vermögend zu sein.

Eine weitere Erklärung ist, dass jeder Mensch in seinem Umfeld Leute kennt, die weniger haben und solche, die mehr besitzen oder verdienen. Innerhalb des eigenen Bekanntenkreises liegt man also irgendwo in der Mitte – und diesen Vergleich halten viele dann für mehr oder weniger aussagekräftig. Obwohl das in einer Gesellschaft, in der die meisten sich nur in einem bestimmten Milieu aufhalten, abwegig ist.

Die Illusion über die eigene Lage hat politische Konsequenzen. So gibt bei vielen Umfragen eine geradezu überwältigende Mehrheit an, der Reichtum sei ungerecht verteilt, und der Staat müsse stärker umverteilen. Dem stimmen in Deutschland regelmäßig mehr als 80 Prozent der Befragten zu.

Zum großen Teil ist das wohl nur leeres Gerede – "cheap talk", wie es Carina Engelhardt formuliert. Die 28-jährige Volkswirtin hat die schizophrene Gefühlswelt rund um das Geld untersucht. Bei einer ihrer repräsentativen Befragungen gaben 83 Prozent der Teilnehmer an, sie seien für mehr Umverteilung. Auch die meisten Besserverdiener waren dafür – allerdings in der Überzeugung, sie stünden in der Einkommenshierarchie nicht besonders weit oben. Klärte die Forscherin sie über den Irrtum auf und sagte ihnen, dass sie die Umverteilung mitfinanzieren müssten, änderten sie schlagartig ihre Meinung. "In dem Moment, wo es an die eigene Brieftasche geht", sagt Engelhardt, "geraten die guten Absichten ins Hintertreffen."

Eine ähnliche Beobachtung hat der Soziologe Holger Lengfeld kürzlich gemacht: Er fragte Bundesbürger, ob Deutschland den Krisenländern in Europa finanziell helfen solle. Eine Mehrheit stimmte zu. Auf die Nachfrage, ob sie bereit wären, dafür eine Solidaritätsabgabe zu zahlen, schwand die Zustimmung rapide. Selbst bei einem minimal höheren Steuersatz von nur 0,5 Prozent des Einkommens wollte bloß noch jeder Dritte mitmachen. Die Studie, die in der kommenden Woche das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlicht, zeigt: Viele schöne Absichtserklärungen werden wertlos, sobald es ernst wird.