Es gibt ein neues literarisches Unterhaltungsgenre: der lustige Seniorenroman. Sein Entstehen dürfte auf das Jahr 2009 zurückgehen. Damals erschien Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand des Schweden Jonas Jonasson. Der Roman wurde ein Welt-bestseller. Er wurde es vermutlich auch deshalb, weil er den Alzheimer-, Pflege- und Sterbegeschichten, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf den Buchmarkt kamen, eine muntere Kontrastgeschichte entgegensetzte. Nachdem der Hundertjährige durchs Fenster des Altenheims geflohen ist, erlebt er bekanntlich mehr verrückte Abenteuer als in den neunundneunzig Jahren zuvor. Das Merkwürdige am Genre des Seniorenromans ist nämlich, dass es sich am Modell des Jugendromans orientiert. Deshalb bewegt sich die Lustigkeit, mit der die Altersliga 70 plus ausgestattet wird, auch meist auf dem Niveau von Schulbubenstreichen. Und hier wird die Sache unangenehm. Diese pseudojugendliche Lustigkeit besitzt nicht nur eine Schlagseite ins Dümmliche, sie hat auch etwas Diskriminierendes.

Nehmen wir den Unterhaltungsroman Wer erbt, muss auch gießen von Renate Bergmann. Die alte Dame, um die es hier geht, ist geistig ausgesprochen fit. So fit, dass sie den plötzlichen Wertanstieg ihrer Bankaktien höchst rational als Druckmittel einsetzt, mit dem sie ihre zukünftigen Erben in der Hand hat. Wie kann es sein, dass die gleiche alte Dame durchweg von "Weganern" spricht, wenn sie sich über Zeitgenossen wundert, die auf Körnern kauen? Warum wird sie im Untertitel als "online-Omi" bezeichnet? Eine Frau, die Enkelkinder hat und entgegen aller medizinischen Erwartung weiß, wie man einen Computer einschaltet? Was ist dann Joachim Gauck? Unser Repräsentations-Opi?

Anderes Beispiel: Das Buch Eierlikörtage. Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 ¼ Jahre, verfasst von Hendrik Groen. Das Buch war in den Niederlanden ein Bestseller. Der im Titel erwähnte Tagebuchautor lebt im Altersheim. Er leidet unter der Monotonie und Entmündigung des Altersheimlebens. So beginnen zahlreiche der lustigen Seniorenromane. Ebenso zahlreich erzählen sie von der Rebellion alter Menschen gegen ein Leben auf dem Abstellgleis. So auch Hendrik Groen. Er gründet im Heim einen Club für Leute, die ins Kino wollen und sich Diskussionsabende zu vernünftigen Themen wünschen – wie andere erwachsene Menschen auch. Und was stößt dem Ich-Erzähler schon auf den ersten Seiten zu? Groen wirft ein Kuchenstück, das ihm nicht schmeckt, heimlich in ein Aquarium. Jetzt hat er Angst, ein Fischsterben verursacht zu haben. Man kennt diese putzige Episode – aus der Kinder- und Jugendbuchliteratur.

Hendrik Groen: Eierlikörtage. A. d. Niederl. von Wibke Kuhn; Piper; 413 S., 22,– €

Renate Bergmann: Wer erbt, muss auch gießen. Rowohlt; 203 S., 9,99 €