Es gibt sie, und es gibt sie nicht; noch immer haben sie etwas von einem Phantom: Studio Braun – das Musiktrio, Gag-Kombinat, Regiekollektiv vom Hamburger Hafenrand. Seit zwei Jahrzehnten ein gefährlich brodelnder Spaßvulkan, der stets unerwartet ausbricht. Zu Ohren gekommen mit psychedelischen Telefonstreichen, die in Deutschland ein Hörfunk-Genre begründeten, das – billig kopiert – seinen Urhebern schon bald nicht mehr gefiel. Später dann im Deutschen Schauspielhaus große Theaterkunst: Dorfpunks – Blüten der Gewalt und im Kino: Fraktus, die wahre Geschichte des Techno, dessen Erfinder mal wieder niemand kannte.

Wie es sich für Untergrundkünstler gehört, war die Wirkung der drei stets größer als ihr kommerzieller Erfolg. Das könnte sich nun ändern. Denn jetzt kommt die Tour zum Buch beziehungsweise das Buch zur Tour: 18 Auftritte von Kiel bis Stuttgart und dazu 400 großformatige Seiten in opulenter Optik und Haptik. Am 28. September geht’s los – in Dresden.

Drei Farben Braun, die Tour – angeblich wussten sie vor zwei Wochen selbst noch nicht, was sie demnächst auf die Bühne eigentlich bringen wollen. Irgendwas aus ihrem krautigen Œuvre wird es schon sein. Das Buch könnte Hinweise geben.

Drei Farben Braun, das Buch – das ist nichts für Alte und Schwache; man kann es kaum heben, so schwer ist die Lektüre. Die Fitnessübung aber lohnt. Wer blättert, wird in jedem Fall sein Zwerchfell trainieren – weil die alten Witze über die Jahre gereift und neue Einfälle hinzugekommen sind. Hier taucht in Text und Bild alles auf, was sich Rocko Schamoni, Jacques Palminger und Heinz Strunk im Laufe der Zeit so ausgedacht haben. Eine Materialsammlung, zusammengetragen und moderiert von ihrem Freund Gereon Klug, der sich auf hanseatisch Peripheres versteht.

Da wären die Lieder, beispielsweise das Mariacron-Lied, ein Mix aus Telefonat und Hörspiel, in dem die tägliche Weinbrand-Einnahme gefeiert wird. "Heut ist wieder Montag, da mach ma immer ramtamtam, find ich gut, find ich gut. Mariacron, Mariacron, Mariacro-o-o-o-on, Mariacron. Heut ist wieder Dienstag, da mach ma immer ramtamtam, find ich gut, find ich gut ... Heut ist wieder Mittwoch ..." und so weiter bis zum Wochenende.

Drei Mann, drei Eimer. © Schwarzkopf & Schwarzkopf

Dann gibt es szenische Bilder aus dem Theaterstück Rust – ein deutscher Messias, mit Rocko Schamoni als Penisorakel und Heinz Strunk, der in einer Doppelrolle sowohl Vater Rust als auch Mutter Rust verkörpert, und schließlich Jacques Palminger, der den Teppich im Hause Rust spielt: Mit umgeschnalltem Flokati heißt es sich hinlegen und aufs Abheben warten.

Redewendungen für alle Fälle füllen eine Doppelseite in der Mitte des Buches. "Heinzi, hol die Dinger raus", heißt es da salopp, oder es gibt lecker "Gerd mit Käse und Tomate". Mysteriöse Wortungetüme wie das "Doppelschaltjahr" oder der "Gehörlosenparkplatz" runden die Sammlung ab.

Die Herren von Studio Braun sind zwiebelmesserscharfe Beobachter einer vom Marketing vollmundig überformten Realität. Nicht jede Pointe sitzt; manche steht und fällt mit der Kindlichkeit des Gemüts. Voll daneben zu sein, das können sie immer. Sie filtern ihre Einfälle kaum; naturtrüb ist das Ergebnis. "Für die Ewigkeit" hat Schamoni Schmuck entworfen. Der Schriftzug "Scheiße" aus purem Gold, als Amulett oder Armbanduhr. Dazu ein Praliné? Merde Royal. Unverwirklicht blieb seine erotische Saftkaraffe, ein Hintern aus Porzellan, in dessen Rosette ein Trinkhalm steckt. Hatte er als Kunststudent für Villeroy & Boch kreiert. "Angeboten und abgelehnt", notiert das Buch lakonisch.

Palminger hingegen bleibt auf beziehungsweise unter dem Teppich. Ihn zeigt ein Foto aus Studententagen in der Küche mit einem bierseligen Nachbarn und dessen Kater: "Robert bot mir ständig Sachen an mit dem immer gleichen Satz: ›Ich wollt’s gerade wegschmeißen.‹ Hühnersuppe, Hausschuhe, egal."

Später habe der spendable Robert ihn als Alleinerben einsetzen wollen und ein Seegrundstück in Aussicht gestellt, was er, Palminger, aber "aus Angst vor der Verantwortung" sofort energisch abgelehnt habe. Eine Jugendsünde! "Heute würde mir so ein fetter Fisch nicht mehr von der Angel springen."

So kommen die subversiv-aggressiven Episödchen vom Hölzchen aufs Stöckchen. An manche möchte man sich gar nicht erinnern. Das Buch ist so unaufgeräumt wie alles bei Studio Braun. Ein Blätter- und Stöberbuch, das auf keinem stillen Örtchen fehlen darf – denjenigen zum Trost, die es zur Tour nicht schaffen oder kein Ticket mehr ergattern.

Heinz Strunk, Rocko Schamoni, Jacques Palminger: Drei Farben Braun – Das große Studio Braun Buch. Schwarzkopf & Schwarzkopf; 400 S., 49,99 €