Gisela Elsner ist sicherlich eine der großen Vergessenen der deutschen Nachkriegsliteratur. Wie radikal exzentrisch die Autorin, die sich 1992 verbittert das Leben nahm, war, zeigt ihr nun aus dem Nachlass gehobenes Romanfragment Die teuflische Komödie.

Mitten ins Tauwetter der späten 1980er Jahre hinein schrieb Elsner diese trotzige Reaktion auf Glasnost, welche die überzeugte West-Kommunistin mit Entsetzen beobachtete. Auf dem Papier verkehrte sie daher die realen Machtverhältnisse: In ihrem Roman lässt sie die sozialistische Weltrevolution stattfinden, der Bundeskanzler und sein Kabinett fliehen in einem "schwarz-rot-goldenen Satelliten", und die Macht gleitet vollständig in die Hände der "Gleichmacher".

Erzählt wird diese kontrafaktische Weltordnung aus der Perspektive des ehemaligen Fernsehkommentators Benno Flex, eines gelenkigen Gewinnlers des überwundenen kapitalistischen Systems, der sich seine tendenziöse Berichterstattung großzügig hatte alimentieren lassen. Jetzt, in der neuen, der sozialistischen Welt, jammert Flex hysterisch über den Verlust seiner Privilegien, geißelt Verstaatlichungen und den "widernatürlichen Frieden". Wobei die Erzählerfigur so angelegt ist, dass ihre irrationale und widersprüchliche Kritik die Maßnahmen der "Gleichmacher" ex negativo lobt.

Doch Elsner schreibt kein Lehrstück des sozialistischen Realismus. Vielmehr lässt sie den friedlichen Umsturz zusehends in einer jakobinischen Gewaltorgie aufgehen. Lynchmorde, Revolutionstribunale und öffentliche Guillotinierungen stehen auf der Tagesordnung. Ein mit Flex befreundeter Chirurg, der im Kapitalismus als Folgegeschäft Prothesen, Särge und Grabsteine verkaufte, wird sogar von einem Heer verkrüppelter ehemaliger Patienten öffentlich zu Tode operiert. Dieser ätzende Sarkasmus und die genussvolle Detailverliebtheit, mit der Elsner ihre überdrehte Abrechnung mit der Gorbatschow-Ära zelebriert, lässt einen das Schlachten unabhängig von der politischen Couleur genießen.

Auch Benno Flex hat angesichts des steigenden Blutdurstes der "Gleichmacher" Schwierigkeiten, den Kopf auf den Schultern zu behalten. Vor allem seine früheren Domestiken, die Zugehfrau, die Haushälterin, der Chauffeur, niederträchtige Opportunisten, drangsalieren und observieren ihn, in der Hoffnung auf ein Kopfgeld. Innerhalb des sozialistischen Weltentwurfs der Teuflischen Komödie verweisen diese Schilderungen der gesellschaftlichen Verdorbenheit jedoch über den Text hinaus auf den grundsätzlichen Widerspruch von Gisela Elsner: Als überzeugte Kommunistin war ihr die Herrschaft des Proletariats Endzweck der Geschichte. Mit dem realen Proletariat hingegen fremdelte die Couture tragende Schriftstellerin aus gutem Hause ebenso wie ihr Erzähler Flex.

Im Bewusstsein dieses Widerspruchs entwirft der Roman den Sozialismus nur noch als Strafgericht über den Kapitalismus, nicht mehr als echte gesellschaftliche Alternative. Desillusioniert und politisch ernüchtert stellte Elsner die Arbeit an der Fragment gebliebenen Komödie ein. Nichtsdestoweniger liest sich diese tiefschwarze Groteske flüssig bis zum Schluss und zeigt noch einmal die alles ablehnende Grandezza dieser bissigen Miesepetra des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs in vollem Glanz.

Gisela Elsner: Die teuflische Komödie; Verbrecher Verlag, Berlin 2016; 320 S., 16,–€