Kennen Sie Clara von Sivers? Ich kannte sie nicht, habe mich aber in das erste Bild, das ich je von ihr gesehen habe, sofort verliebt. Eigentlich war ich bei Lempertz in Berlin, um dort die minimalistischen Grafiken von Ellsworth Kelly aus der Sammlung des Architekten Stephan Braunfels zu sehen, aber als ich um eine Ecke bog, hing da plötzlich ein einzelnes, fast zwei Meter hohes Gemälde, das aus der vergangenen Auktion unverkauft zurückgeblieben ist. Die Künstlerin hat das Bild auf atmosphärische Überwältigung angelegt. Ich trat näher und fühlte mich sofort in eine andere Welt versetzt, weit weg von der Berliner Vernissage. Auf einmal war ich in der Natur. Sie hat es wohl im Mai gemalt, denn im Mai blüht der Rhododendron, dessen schwere Zweige hier bis ins Wasser hängen. Die Blüten in Tönen von Blau und Lila sind von einer märchenhaften Zartheit. Diffuses Licht lässt den Hintergrund verschwimmen. Als Betrachter fühlt man sich eingehüllt in ein süßes Parfum, fast will man sich dagegen wehren, denn die Wirkung des Dufts ist lähmend, aber dann gibt man sich doch einfach hin und genießt.

Clara Sivers (1854 bis 1924) hat den Landschaftsausschnitt mit Frühlingsblüten 1893 gemalt. Da hatte sich die 39-Jährige aus Pinneberg, die in Kopenhagen, Paris, Stuttgart und Dresden studiert hatte, gerade von ihrem Mann getrennt, mit dem sie in Russland gelebt hatte, und war nach Berlin gezogen. Ihr Berliner Atelier, heißt es, wurde zu einem Treffpunkt für Künstlerinnen. Blumen durchziehen ihr gesamtes Werk, aber kein Bild ist duftiger als dieses. Warum hat niemand es bei der Auktion ersteigert? War es den Bietern zu gewagt, zu kitschig? Oder hat es an der Größe gelegen? Auch ich habe leider keine Räume, in die ein 194 Zentimeter hohes Gemälde passt. Aber ich beneide alle, die es aufhängen könnten. Das Bild kann man für 6.000 Euro kaufen.