Als Sharo Ibrahim Garip Mitte Januar nach einer Nacht in Untersuchungshaft in der türkischen Stadt Van wieder in Freiheit ist, schreibt er einen Brief an Martin Erdmann, den deutschen Botschafter in Ankara. Darin spart Garip, deutscher Pass, Promotion in Köln, nicht an Pathos. "Ein weiteres Mal ist mir klar geworden, von welch wertvoller Bedeutung es ist, Angehöriger eines demokratischen Staates zu sein", schreibt Garip und bedankt sich bei Erdmann für dessen Anruf nach seiner Festnahme. Deutschland zähle "zu den wenigen Ländern, das nicht nur die Demokratie lehrt, sondern auch lebt".

Vorbei. Heute steht Garip kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ein paar Tage nach der Nacht in Untersuchungshaft wurde er mit einem Ausreiseverbot belegt. Seit acht Monaten darf er die Türkei nicht verlassen. Garip hatte seine Unterschrift unter einen offenen Brief gesetzt, der den türkischen Staat auffordert, die "Massaker" an den Kurden zu beenden. Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Garip und viele Hundert weiterer Wissenschaftler wegen Terrorismuspropaganda (ZEIT Nr. 18/16).

Seinen Job an der Universität Van hat der Soziologe Garip, 50, schon längst verloren, seine Wohnung auch. Nun, nach Monaten zwischen Stumpfsinn und Wut, geht es um Größeres: Garips Glauben an den deutschen Staat. Sein Vertrauen darin, dass dieser Staat seine Bürger schützt. "Ich bin sehr enttäuscht von der deutschen Diplomatie und Regierung", sagt er im Skype-Interview.

Bei einem Treffen mit Botschafter Erdmann am 9. September in Istanbul habe der gesagt: "Ich habe mein Pulver verschossen." Man kann das auch umformulieren: Ich kann dir nicht mehr helfen, du bist auf dich allein gestellt.

Deutschland überlässt einen seiner Bürger, der wegen einer von der Meinungsfreiheit eigentlich zweifelsfrei gedeckten Äußerung seit Monaten in der Türkei festgehalten wird, seinem Schicksal. Wie kann das sein?

Es scheint, als sei Garips Akte während des wackligen Flüchtlingsdeals und der Kritik an Erdoğans "Säuberungen" nach dem Putsch, der Armenien-Resolution und der Böhmermann-Posse auf dem Stapel der diplomatischen Verwerfungen nach ganz unten gerutscht: zu unwichtig für eine Eskalation.

Mit dem Fall konfrontiert, teilt das Auswärtige Amt schriftlich mit, man stehe "in engem Kontakt mit den türkischen Behörden" und setze sich "für den Betroffenen ein". Für Garip fühlt sich das anders an: "Eine Weltmacht ist machtlos. Man lässt mich im Stich. Ist der deutschen Regierung die Meinungsfreiheit so egal?"

Garips Antrag auf Sozialhilfe für Deutsche im Ausland wurde derweil nach vier Monaten Prüfung abgelehnt. Weil Garip durch Kurdischunterricht monatlich zwischen 156 und 312 Euro verdiene, liege eine "außergewöhnliche Notlage" nicht vor, heißt es in der Antwort der Behörde.