Am kommenden Montag treffen sie nun also aufeinander. Das erste TV-Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump wird in der Hofstra-Universität auf Long Island stattfinden, auf den Tag genau 56 Jahre nach der ersten Fernsehdebatte überhaupt zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon. Es wird erwartet, dass "Trump gegen Clinton" alle Zuschauerrekorde bricht. Denn die beiden liegen in den jüngsten Umfragen wieder fast gleichauf.

Wie ist das möglich? Hatte Hillary nicht den ganzen Sommer über als sichere Siegerin gegolten? Donald Trump hatte sich mit dem Vater eines muslimischen Soldaten angelegt, der im Irak für Amerika gefallen war. Der Kandidat taumelte von Skandal zu Skandal und feuerte im Sommer zwei Wahlkampfleiter. Die Medien begannen gar darüber zu spekulieren, ob er möglicherweise geisteskrank sei. Hillary Clinton hingegen machte sich so rar, wie das nur sichere Sieger tun, und sammelte Geld von reichen Unterstützern ein. Warum auch nicht? Jeden Tag konnte sie in der Zeitung überragende Hochrechnungen lesen, die ihr Siegchancen von mehr als 80 Prozent bescheinigten.

Doch dann begann sich etwas zu drehen. Trump besuchte auf Anraten seines neuen Teams eine schwarze Kirche, er fuhr – ganz unerschrockener Staatsmann – nach Mexiko, außerdem kündigte er an, er werde als Präsident bezahlten Mutterschutz durchsetzen. Das waren drei Angebote an jene Wählerschichten, mit denen er die meisten Probleme hat: Schwarze, Latinos, gut ausgebildete Frauen.

Clinton dagegen bezeichnete Trumps Wähler auf einer Spendenveranstaltung als "jämmerlichen Haufen Bedauerlicher". Dann klappte sie bei einer Gedenkfeier zum 11. September zusammen. Dass sie an einer Lungenentzündung litt, hatte ihr Team lange verheimlicht. Und jetzt, kaum dass sie genesen ist, bieten die jüngsten terroristischen Anschläge in New York Trump die Gelegenheit, auf die "Dummheit" einer Einwanderungspolitik einzuhämmern, die den "Terrorismus nach Amerika gebracht" habe.

Nun hat Clinton ihren komfortablen Vorsprung auf Trump verloren. Und weil das Fernsehen dessen natürlicher Lebensraum ist, scheint auch der Ausgang des Duells am kommenden Montag offen zu sein.

Die Demokraten sind schockiert. Barack Obama und seine Frau Michelle rauschen als Rettungskräfte heran. Mit Clinton sympathisierende Kommentatoren im Fernsehen bezeichnen Trump als Faschisten. Das Entsetzen über einen möglichen Sieg Trumps hat die liberale Öffentlichkeit gepackt.

Aber machen es sich die Demokraten mit ihrer Verteufelungspolitik nicht etwas einfach? Hat Trump seinen Aufstieg wirklich ganz allein bewerkstelligt, oder tragen die Demokraten mit ihrer Politik daran möglicherweise Mitschuld?

Das ist eine Frage, die sie nur allzu gerne vermeiden und die doch so wichtig ist für die Zukunft ihrer Partei und die des ganzen Landes. Das gilt selbst dann, wenn Hillary Clinton doch noch siegen sollte. Denn wenn die Partei ihre Fehler nicht erkennt und korrigiert, dann wird ihr eines Tages ein noch viel wütenderer und radikalerer Gegner gegenüberstehen.

Das Problem der Demokratischen Partei mit jenen Wählern, die heute zu Trump neigen, reicht weit zurück. Es ist entstanden, als die Demokraten irgendwann begonnen haben, Amerika nur noch als die Summe seiner Teile anzusprechen, nicht mehr als Ganzes. Waren es zuerst die Schwarzen und die Frauen, kamen später die Latinos, die Homosexuellen und Transgender-Menschen hinzu, denen die Partei ihre besondere Aufmerksamkeit schenkte. Minderheiten, die nach Anerkennung streben. Die Demokraten kämpften für ihr Wahlrecht, Gleichbehandlung vor dem Gesetz, ökonomische Teilhabe, ihre Bürgerrechte eben. Damit aus Außenseitern Etablierte werden können. Es war eine gute, stolze Politik. Aber irgendwo ist auf dem Weg etwas schiefgelaufen.