Wolfram Siebeck liebte den großen Auftritt. Einmal durfte ihn eine Gruppe von ZEIT-Lesern in seinem Sommerhaus in der Drôme besuchen, und Barbara Siebeck holte die Gäste am Dorfplatz ab. Man spazierte die Straße hinauf zu "La Grange", dem stilvoll ausgebauten Landsitz, zuletzt knirschte der Kies unter den Schuhen, es ging zwischen Rosmarinhecken entlang. Man versammelte sich im Hof, die Gespräche verstummten, Barbara Siebeck rief: "Wolfram!" Und der Meister erschien – im offenen Fenster seines Arbeitszimmers hoch über all den Köpfen, den Blick noch umwölkt vom Denken und Schreiben, in der Hand ein Glas Weißwein. Und er lächelte! Spontaner Applaus.

Oder, ein anderes Mal, in Berlin: Die Siebecks waren in einem Apartmenthaus in der Behrenstraße untergebracht, praktisch, spesensparend, aber unspektakulär. Wenn er zur Arbeit musste, also zum Testessen in einem der vielen neuen Berliner Restaurants, verließ Wolfram Siebeck seine Unterkunft, verschwand gleich nebenan wieder im Hintereingang des Hotels Adlon, schritt würdevoll (samt Barbara und einem gelegentlichen Mitesser) durch die Korridore, durchquerte die Hotelhalle, trat aus dem Haupteingang am Berliner Platz und ließ den Wagenmeister nach einem Taxi winken.

Am vergangenen Samstag nun, zwei Monate nach seinem Tod und zwei Tage vor seinem 88. Geburtstag, wurde auf Burg Mahlberg in der Ortenau, seinem Wohnsitz seit Jahrzehnten, des großen Gourmets und Essayisten, Kochbuchautors, Lebenskünstlers, ZEIT-Kolumnisten und Spötters gedacht. Es war – nennen wir es ruhig so – Wolfram Siebecks letzter Auftritt. Und er wäre ganz nach seinem Geschmack gewesen.

Zwar brannten zwei Kerzen vor der Gedenktafel, die jetzt in die Burgmauer eingelassen ist, zwar hatte dort jemand ein paar Rosen abgelegt, und über der Inschrift ("Wolfram Siebeck – 19. Sep. 1928 – 7. Juli 2016") prangen drei goldene Sterne auf der Tafel. Die Sterne aber, die Siebeck sein Lebtag viel mehr interessiert hatten, leuchteten in der Burgküche. Dort nämlich standen Eckart Witzigmann und Marc Haeberlin, Otto Koch und Franz Keller, Otto Fehrenbacher und Dieter Biesler, alles hochdekorierte Sterne-, Hauben- und Was-sonst-noch-alles-Köche, schwenkten die Pfannen, rührten in der Sauce und riefen nach Champagner – zum Aufgießen nämlich.

Witzigmann und Co. kochten nicht weniger als Wolfram Siebecks Leben nach. Sie brachten all die Dinge auf die Teller, für die er geschwärmt und gelästert und gestritten hatte: Kalbskopf und Bries, Kutteln und Jakobsmuscheln, Räucheraal und Gänseleber. Und während Siebecks Panamahut und sein Ausgehstock an der Garderobe hingen, als hätte sich ihr Besitzer zum Nachmittagsschlaf zurückgezogen, war er immer präsent, der Hausherr, in allen Gesprächen, in Anekdoten, in manchem wehmütigen Seufzen.

Und weil Siebeck selbst in all seinen Texten bewiesen hatte, dass es beim Essen und Trinken nicht nur um das Stillen von Hunger und Durst geht, sondern ums Ganze, um Kultur und Geschichte, um Politik und Humanität, darum, was die Menschen einander antun und was sie in der Welt anrichten, darum schweiften auch die Gespräche bald hinaus aus dem Dunstbereich der Küche, aus den Mauern von Burg Mahlberg, weithin über die Ebene des Rheintals, hinüber zum Kaiserstuhl, zu den Vogesen. Und die Weine, die Siebecks Lieblingswinzer (Dörflinger, Fritz Keller, Velich, Schwörer) aus großen Flaschen in die Gläser gossen, taten das Ihre für den Fluss der Gespräche.

Kann sein, dass es am 2010er Spätburgunder S von Keller lag, aber plötzlich war auch dieser Gedanke nicht mehr zu verrückt: Was, wenn Wolfram Siebeck gar nicht tot war? Wenn er auch das alles nur inszeniert hatte, um feixend seine Nachrufe lesen zu können? Wenn er in Wirklichkeit oben in seinem Arbeitszimmer saß, sich über den melancholischen Jazz freute, der aus dem Burggarten hinaufklang, wenn er gleich leibhaftig auf der Treppe erscheinen und eine Portion von Otto Kochs Kutteln verlangen würde? Wenn Barbara Siebeck seine Komplizin war und deshalb so gefasst und fast fröhlich?

Zuletzt war es Barbara Siebeck selbst, die die traurige Realität in den Burghof zurückholte: Sie erschien mit einem großen Korb voller Krawatten. Siebecks Krawatten. Und jeder Gast durfte sich eine nehmen und behalten. So kamen nach Wolfram Siebecks liebstem Essen und Trinken auch seine Lieblingsfarben (Senfgelb, Curry, Orangerot) aufs Fest. Aber auch die Gewissheit: Er ist endgültig gegangen. Er wird diese Krawatten nie mehr brauchen.

Spät, sehr spät verließen die letzten Gäste die Burg. Und mancher, der in früheren Jahren erlebt hatte, wie Wolfram Siebeck gern auf dem Söller stand und einem zum Abschied zuwinkte, wird sich auf dem Weg hinunter ins Dorf noch einmal umgewendet haben.

Weil er wusste: Wolfram Siebeck liebte nicht nur den großen Auftritt. Sondern auch den fulminanten Abschied.