Erinnert sich noch jemand an diesen Essay? Empört Euch!, geschrieben von Stéphane Hessel, einem ehemaligen französischen Widerstandskämpfer. Der schmale Band erschien 2010, er war ein Protestaufruf gegen Finanzkapitalismus und Sozialabbau und verkaufte sich millionenfach. Heute, sechs Jahre später, muss man sich fragen: Haben die Menschen, die diesen humanistischen Essay kauften, wirklich verstanden, worum es dem Autor ging?

Hessels im weitesten Sinne linksliberalen Leser haben das mit der Empörung viel zu schnell wieder vergessen. Und sie den anderen überlassen, den Autoritären und Besitzstandswahrern.

Da scheint es erst mal keine schlechte Idee zu sein, wenn das Thalia Theater, das seit Beginn der Flüchtlingskrise als entschiedener Verfechter der offenen Gesellschaft auftritt, die Saison mit Empörung eröffnet. Oder, wie Regisseur Sebastian Nübling es nennt: mit Wut/Rage . So heißt das Stück, das am Samstag uraufgeführt wurde. Es setzt sich zusammen aus Elfriede Jelineks Stück Wut, das nach den Anschlägen auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo entstanden ist, und Texten des britischen Dramatikers Simon Stephens.

Um es gleich zu sagen: Was dabei herauskommt, ist eine Enttäuschung. Statt der blinden Raserei analytisch und bildgewaltig auf den Grund zu gehen, wird nur matt der Zeigefinger gehoben. Aus der Wut ist ausgerechnet am Thalia Theater ein Wütchen geworden.

Dabei macht Nübling vieles richtig. Er lässt sich nicht von Jelineks berüchtigten "Textflächen" einschüchtern, er nimmt nur, was er braucht. Auch die Idee, Jelinek mit einem psychologisch fein gesponnenen Gegenpart zu kontrastieren, ist gut. Die Texte von Stephens beziehen sich auf eine berühmt gewordene Fotoserie, die der Fotograf Joel Goodman zu Silvester 2015 in Manchester gemacht hat. Die Bilder zeigen vordergründig den ganz normalen Partywahnsinn. Torkelnde, betrunkene junge Leute, dazu Polizisten, die sich bemühen, das Chaos in Schach zu halten. Beiläufig erzählen die Bilder aber viel mehr: von Entgrenzung, Vereinzelung und dem verzweifelten Wunsch, der Jahreswechsel möge der eigenen mickrigen Existenz auf magische Weise einen Neuanfang bescheren.

Die Bühne von Eva-Maria Bauer ist bis zur Brandmauer leer geräumt. Auf dem Boden liegt ein silbriges Podest, das später in die Höhe fahren und sich etappenweise zu dem verheißungsvoll blinkenden Schriftzug Happy New Year entfalten wird. In dieser Ödnis dürfen abwechselnd eine moderne Schicksalsgöttin in Brandschutzuniform und die oben beschriebene enthemmte Partymeute ihre Textbrocken loswerden. Letztere unter erschwerten Bedingungen, denn der Regisseur lässt sie beinahe die ganze Zeit zu leisen Electrobeats wie wild sich winden und verbiegen.

Schon klar, die Zappelei soll auf Körperebene deutlich machen, wie sehr die Menschen in den Verhältnissen gefangen sind. Sie plappern sich den Frust von den Herzen, probieren Hassparolen an wie Designerkleider. Sie kotzen, pinkeln und schreien – alles umsonst. Allein Kristof Van Boven darf mehr sein als ein Abziehbild. Ihm zuzuhören, wie er die Worte gleichsam verfertigt, ihnen nachspürt und dabei den Umriss einer faschistoiden Persönlichkeit skizziert, ist die einzige, wenn auch bedrückende, Freude dieses Stücks.

Unter dem Firnis der Zivilisation gärt der Hass, das ist die eine Feststellung des Abends. Sich in seinem Furor auf Gott zu berufen – auf welchen auch immer – ist Heuchelei. Tatsächlich, und das ist eine weitere Botschaft der Inszenierung, geht es um Macht. Der Grund für diese Misere scheint aber schon gefunden, weswegen er gleich zweimal wiederholt wird: "Das Problem ist wie üblich, dass uns niemand liebt." Soso.

Das Problem dieser Inszenierung liegt tiefer. Die Stärke der Fotoserie von Goodman war, dass sie Raum für Reflexion bereithielt. Die Stärke von Jelineks Textgebirgen liegt darin, dass sie eine Art vorbewussten Bewusstseinsstrom erzeugen. Zuverlässig gelingt es der Dramatikerin mit diesem Verfahren, den Zustand einer Gesellschaft einzufangen in seiner Widersprüchlichkeit.

Sebastian Nüblings Inszenierung jedoch verharrt in der bloßen Bebilderung. Einer Bebilderung von Texten, die über Fotos geschrieben wurden (der "Rage"-Anteil), und Texten, die sich sowieso genug sind (der "Wut"-Anteil). Sie lassen keinerlei Raum für gar nichts. Empören kann man sich daher am Ende höchstens über das Stück.

Weitere Aufführungen: 24. 9., 20 Uhr; 25. 9., 17 Uhr; 9. 10., 19 Uhr