Antje Hermenau erscheint in blauem Blazer. Es ist nicht irgendein Blau, der Farbton ist fast identisch mit dem des AfD-Plakats, das neben ihr hängt, im Hinterzimmer eines Döbelner Hotels. Oje: Hat sich die ehemalige Frontfrau der sächsischen Grünen etwa das Mäntelchen der AfD übergeworfen? Hermenau ahnt wohl, welche Vergleiche auf sie zukommen könnten, denn sie zieht die Jacke schnell aus, ein wenig verlegen, als sie das Plakat bemerkt hat.

Antje Hermenau am Stammtisch der AfD Mittelsachsen. Auch ohne die Garderobenfrage bringt dieser Abend schon die politische Farbenlehre durcheinander. Hermenau, die im vergangenen Jahr mit großem Krach die Grünen verlassen hat, aber sich nach wie vor als Herzensgrüne sieht – Hermenau also hat eine Einladung der Alternative für Deutschland angenommen; ohne zu zögern, wie sie sagt. Es überschlugen sich die Medienberichte, als ihr AfD-Termin vor zwei Wochen bekannt wurde: Ja, darf die das denn?

Wenn man dann da ist, im Hotel Bavaria in Döbeln, wirkt schon alles gar nicht mehr so spektakulär. Hermenau, 52, inzwischen selbstständige Autorin und Beraterin, will ihr Buch Die Zukunft wird anders vorstellen und mit AfDlern ins Gespräch kommen. Sie sei, sagt sie auf der Bühne, schon im Vorhinein reichlich beschimpft worden, sogar ihren Sohn habe man angefeindet.

Für viele ist dieser Abend eine Provokation, auch für ihre frühere Partei. Mit vielen Grünen hatte Hermenau ja schon lange Probleme. Sie war immer eine sehr konservative Vertreterin ihrer Partei. Dass es sie nun sogar zur AfD verschlagen habe, sei nur folgerichtig, auch solche Lästereien hört man unter ehemaligen Kollegen. Der Grünen-Landesvorsitzende Jürgen Kasek nannte das Treffen in Döbeln via Twitter: "politische Prostitution bei Demokratiefeinden". Und von außen betrachtet, scheint der Termin sogar der Polizei nicht ganz geheuer: Zwei Einsatzwagen stehen vor dem Döbelner Hotel, für den Fall, dass Krawall droht.

Aber die Beamten langweilen sich, die Lage am Stammtisch ist beschaulich, Feierabendstimmung bei Pils und gebratener Schweinezunge. René Kaiser, Chef der mittelsächsischen AfD, lächelt selig, für ihn ist der Abend schon ein Erfolg, bevor das erste Wort gewechselt wird. Der Raum ist randvoll, gut drei Dutzend Zuhörer sind gekommen – und ein weiteres Dutzend Journalisten. Vorstellung Kaiser: "Ich bin Ingenieur und versuche Probleme rational anzugehen. Ich denke, diesen Ansatz kann man auch auf die Politik übertragen." Und: "Falls ich heute Abend eilig wegmuss, dann nur, weil meine Frau unser siebentes Kind bekommt." Dafür gibt es den ersten Applaus.

Auch um Familienpolitik wird es gehen, aber zuerst: Rundumschlag Hermenau. In ihrer "Streitschrift", vor einem Jahr erschienen, streift sie sämtliche Brennpunktthemen. Euro-Politik, Ukraine-Konflikt, Politikverdrossenheit. Sie sieht wachsende Ost-West-Differenzen: "Das empfinden viele, das merke ich doch, aber wir, die Ossis, sind zu wenige, wir sind zu klein." Beide Seiten, Ost und West, sollten die alten Gräben überwinden, zu "entspannten Neudeutschen" werden. Hermenau ist Polit-Profi, ihre Präsentation funktioniert – auch am Stammtisch. Ihr Sächsisch hört sich an diesem Abend noch ein bisschen breiter an als sonst. Sie gibt sich als eine von hier, das schafft Nähe. Die meisten Zuhörer folgen interessiert bis freundlich, der Vortrag wird kaum unterbrochen. Hermenau könnte die AfD in ihren radikalen Positionen angreifen, aber das ist an diesem Abend nicht ihre Taktik. Keine Nazi-Keule, keine Angriffe, sie vermeidet Konfrontationen. Dezent grenzt sie sich da ab, wo es nötig ist, verzichtet auf Populismus und mildert Applaus ab, wenn er zu tosend wird.

Und Hermenau wirbt bei der zuwanderungskritischen bis -feindlichen Partei, der AfD eben, für Zuwanderung, mit Blick auf die demografische Entwicklung. "Wenn man den Wohlstand in Deutschland halten will, wird man viele Menschen hier ansiedeln müssen. Unser Ziel muss es sein, die Zuwanderung klar zu regeln, sonst drohen Unruhen." Auch bei diesem Punkt ist sie Ossi-Versteherin: "Diejenigen, deren Kinder längst in Bayern arbeiten und leben, wissen, was ich meine. Viele halten gerade im ländlichen Raum die Dinge am Laufen. Aber, wem übergeben sie mal die Ortschronik, die sie mühsam erarbeitet haben, wenn keiner mehr da ist?" Die Reaktionen: freundliches Murmeln. Kein offener Widerspruch.

In einer Kleinstadt wie Döbeln weiß man genau, was sie meint, wenn Hermenau von Demografie spricht. Das ist ihr Vorteil. An diesem Abend sitzen vor allem gemäßigte AfD-Leute im Publikum, es gibt kaum radikale Ausfälle. Als ein Mann sich über eine Ausländerin beschwert, die seiner Meinung nach zu schlechtes Deutsch spreche, wird er sofort als "Alltagsrassist" gemaßregelt – von einem anderen Mann aus den Reihen. Es sitzen auch CDU-Leute und Linke im Publikum, so heterogen wie die Gäste sind deshalb auch die Erwartungen an diesen Abend. Jeder, der sich bei der Diskussion zu Wort meldet, bringt ganz eigenen Frust mit – einer beschwert sich über die globalisierte Arbeitswelt, der nächste über Managergehälter. Antje Hermenau hört zu, nickt hin und wieder, aber hat, klar, auch nicht für alles eine Lösung.

Einige fordern mehr Anerkennung für Familien. Ein Mann findet, "die intakte Familie muss Vorfahrt haben". Antje Hermenau, geschieden und alleinerziehend, widerspricht knapp, aber prägnant: "Stimmt, mein Sohn wünscht sich auch, dass Mama, Papa und Kind etwas zusammen unternehmen, aber besser haben wir es eben nicht hingekriegt." Gemurmel, aber so ehrlichen Geständnissen hat niemand etwas entgegenzusetzen.

Sie biedert sich nicht an, wirklich nicht.

Ob dieser Abend von Nutzen war? Dieses Treffen, das für nicht wenige ein Tabubruch ist? Antje Hermenau sieht man die Anstrengung nicht an, aber als die Runde nach zwei Stunden beendet ist, atmet sie durch und gibt zu: "Ich bin völlig durchgeschwitzt." Hat es denn nun was gebracht? "Teils, teils. Ich hatte gehofft, auf weniger starke Fronten zu treffen, weniger auf dieses Muster: Ich bin der Gegenentwurf zu dir." Aber, und das sieht sie als Erfolg, alle haben, ohne Pöbeleien, miteinander geredet. "Ich will Gesprächsbereitschaft herstellen. Da kann man nur mit dem Gedanken reingehen: Der andere könnte auch recht haben." Einen Mitgliedsantrag bei der AfD werde sie nicht stellen, sagt Antje Hermenau, auch bei keiner anderen Partei. Sie sei nach wie vor heimatlos, ein politisches Einzelteilchen auf Rundreise.