Die Antwort muss nach heutigem Stand lauten: Ja, und zwar ziemlich tief. Weit mehr zumindest, als es Audi-Chef Rupert Stadler noch vor Kurzem wahrhaben wollte. Am Montag dieser Woche legte Audi-Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch "seine Funktion mit sofortiger Wirkung nieder und verlässt das Unternehmen im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat". So lautet die offizielle Mitteilung. Nach seinem Vorgänger Ulrich Hackenberg ist Knirsch schon der zweite Entwicklungschef der Ingolstädter, der im Zuge des Dieselskandals vorzeitig gehen musste. Dabei war der ausgewiesene Fachmann Knirsch erst 2013 als Motorenchef zu Audi zurückgekehrt und diesen Januar dann zum Vorstand befördert worden. Zuvor hatte er – vor allem auf Drängen der Arbeitnehmervertreter – dem Aufsichtsrat versichert, nichts von der "Dieselthematik" gewusst zu haben. "Die Untersuchungsergebnisse zeigen leider ein anderes Bild. Deshalb musste es zur Trennung kommen", sagt jetzt Berthold Huber, Ex-IG-Metall-Chef und stellvertretender Aufsichtsratschef von Audi. Hintergrund sind die Aufklärungsarbeiten der Anwaltskanzlei Jones Day. Die Kanzlei war kurz nach dem Bekanntwerden des Skandals vergangenen September vom Volkswagen-Aufsichtsgremium zu Hilfe gerufen worden und untersucht seither akribisch die Vorgänge – bei VW und auch bei Audi.

Dazu muss man wissen, dass der Dieselskandal im Konzern zwei Hauptstränge hat. Der eine ist der eingestandene Betrug bei kleinen Dieselmotoren durch VW, von dem weltweit rund elf Millionen Autos des Konzerns betroffen sind. Für knapp 500.000 in den USA verkaufte Diesel wurde Volkswagen in einem zivilrechtlichen Vergleich von Richter Charles Breyer in San Francisco zu Zahlungen von gut 15 Milliarden Dollar verdonnert. Der Deal könnte im Oktober rechtskräftig werden.

Der andere Strang ist die Manipulation von großen Drei-Liter-Dieselmotoren, die von Audi entwickelt wurden und in rund 85 000 in den USA verkauften Audi-, Porsche- und VW-Modellen stecken. Dies hatten die US-Behörden ebenfalls als Betrug angezeigt. Anfangs stritten die Audi-Verantwortlichen jegliche Manipulation ab, dann redeten sie sich lange damit heraus, dass man es lediglich unterlassen habe, bestimmte Bestandteile der Motorensoftware bei der US-Zulassung korrekt anzumelden. Ein Versehen?

Diese Interpretation scheint jetzt obsolet, denn offenbar wussten zumindest einige Audi-Motorenentwickler mehr, und nach den Ermittlungen von Jones Day war wohl auch Knirsch im Bilde. Erste Vorschläge von Audi, die manipulierten Fahrzeuge zu reparieren, wurden von den US-Behörden entschieden abgelehnt. Es wird weiterverhandelt. Spätestens im Oktober will Richter Breyer aber auch eine Einigung von Audi mit den US-Umweltbehörden auf dem Tisch haben. Was dann folgt, kann man sich leicht ausmalen: Für die manipulierten Drei-Liter-Motoren werden wohl weitere Milliardenzahlungen in den USA fällig. Nur die Zahl der Autos ist deutlich kleiner.

Entgegen manchen Meldungen scheint Jones Day allerdings bislang keine Belege dafür zu haben, dass auch Audi-Chef Stadler frühzeitig von den Manipulationen wusste. Er muss sich aber vorhalten lassen, dass er seinen Technikern und zuletzt auch Knirsch allzu blind vertraute. Wollte Stadler doch in der misslichen Situation mit ihm richtig "durchstarten". Die schlechten Sitten scheinen also nicht auf Wolfsburg beschränkt gewesen zu sein. Der Fall schadet auch Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller, der wie viele Konzernmanager lange Jahre bei Audi war. Ein klareres Bild wird wohl erst die Vorlage des Abschlussberichts von Jones Day Ende dieses Jahres bringen. Bis dahin müssen noch viele Topmanager von VW und Audi zittern. Es dürfte aber Jahre dauern, bis der Skandal wirklich aufgearbeitet ist, denn auch die Staatsanwälte ermitteln noch: in den USA, in Braunschweig und in Bayern.