Besucher ihrer Homepage begrüßt die Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla mit einer Aufforderung: "Finden Sie heraus, was mich zu meiner politischen Arbeit antreibt und was mich bewegt." Seit vergangenem Wochenende hat dieser Satz einen eigenartigen Beigeschmack. Denn seitdem rätseln nicht nur Parteifreunde, was Kudla zu ihrem Kommentar beim Nachrichtendienst Twitter bewogen hat: "BK #Merkel streitet es ab. #Tauber träumt. Die #Umvolkung #Deutschlands hat längst begonnen. Handlungsbedarf besteht!"

Mit dem Wort "Umvolkung" bezeichneten die Nationalsozialisten die Germanisierung eroberter Gebiete in Osteuropa. Heute ist es ein Kampfbegriff der extremen Rechten, um Überfremdungsängste zu schüren. Kudlas Äußerung sei "in Inhalt und Ton völlig inakzeptabel", twitterte CDU-Generalsekretär Peter Tauber. "Unsäglich" nannte sie der Parlamentarische Geschäftsführer der Union im Bundestag, Michael Grosse-Brömer.

Bereits am 9. September hatte Bettina Kudla bei Twitter für einen Eklat gesorgt. Da verunglimpfte sie den früheren Chef der regierungskritischen türkischen Zeitung Cumhuriyet, Can Dündar (der auch als Kolumnist für die ZEIT schreibt), als "Cansel Dünnschiss".

Der Fall Kudla wirft die Frage auf: Warum schockt eine 54-jährige CDU-Abgeordnete, die jahrelang ein Dasein als Hinterbänklerin führte, plötzlich mit NS- und Gossenvokabular?

Ein Gespräch darüber lehnt Kudla ab. Wer sich bei Abgeordnetenkollegen in Berlin nach ihr erkundigt, erhält nur eine dürre Charakterisierung ("sehr eigen", "wenig zugänglich"). Auch Leipzigs CDU-Kreischef Robert Clemen, der seine Wahlkreisabgeordnete eigentlich gut kennen sollte, sagt gequält: "Ich weiß auch nicht, was mit ihr los ist, warum sie sich so im Ton vergriffen hat." Schon seit einiger Zeit, sagt Clemen, gebe es "eine deutliche Entfremdung" zwischen der Partei und Kudla.

Doch wie kam es zu dieser Entfremdung?

Kudla galt als unauffällig, ruhig, sie sei ein "Zahlenmensch", sagen Fraktionskollegen, keine für den politischen Nahkampf. Die Diplomkauffrau, gebürtig aus München, arbeitete nach der Wiedervereinigung als Wirtschaftsprüferin im Osten. Im Jahr 2005 wurde sie Finanzbürgermeisterin in Leipzig. Dort ist die CDU von zwei Milieus geprägt – einerseits von äußerst konservativen sächsischen Unionsleuten, andererseits von Bürgern der eher linken Universitätsstadt. Seit 2009 vertritt Kudla den Norden Leipzigs als direkt gewählte Abgeordnete im Bundestag. Ihre Schwerpunkte: Finanz-, Europa- und Nahostpolitik.

Aufsehen erregte Kudla erstmals im Juni dieses Jahres. Als das Parlament in einer Resolution die Massaker der Türken an etwa 1,5 Millionen Armeniern als Völkermord bezeichnete, stimmte Kudla als einzige Abgeordnete dagegen. Die Deutschen hätten es ja auch nicht gern, wenn aus anderen Ländern ihre Geschichte bewertet würde, erklärte sie. Ihr Votum irritierte viele – von einer türkischen Kleinstadt hingegen bekam sie die Ehrenbürgerwürde angetragen. An der Leipziger Parteibasis begann man, über Kudla zu lästern, fragte sich, wieso "die große Freundin von Erdoğans Türkei" sich zuvor massiv gegen den Bau einer Moschee im Norden Leipzigs engagiert habe. Kudla argumentierte, eine solche Moschee sei "für die weitere Entwicklung des Stadtteils nicht dienlich".