Sarkasmus, Ironie, Unterhaltung – all das wollen Talkshow-Zuschauer, Zeitungsleser oder Partygäste nicht missen. Fatal wird diese Haltung jedoch, so meint Bettina Stangneth, wenn wir vor lauter Unterhaltungssucht die vergleichsweise alt und verstaubt anmutende Moral unterschätzen. Die Philosophin warnt in ihrem Buch Böses Denken vor den Gefahren, wenn ihr in der Gesellschaft kein angemessener Raum zuteilwird. Stangneth beobachtet, wie die Moral in öffentlichen Gesprächssituationen nicht nur aus Langeweile unter den Tisch gekehrt, sondern vielmehr dezidiert abgelehnt werde: Im Zeitalter der Differenzierung werde sie fälschlicherweise mit überkommenem Schwarz-Weiß-Denken gleichgesetzt. Doch der "hartnäckige Versuch darzulegen, dass es Moral gar nicht gibt und schon jeder Gedanke daran eine Illusion ist, von der man in der Praxis lieber die Finger lässt", sei deshalb so fatal, weil man damit strukturell eine Denkungsart fortschreibe, vor der wir uns längst sicher fühlten. Denn es waren die Nationalsozialisten, die nichts mehr fürchteten als die aufklärerische Philosophie der Vernunft und den Gedanken an eine allgemeine Bezugsgröße der Moral. "Wir haben uns nicht genug gewehrt, als zwar das Hitler-Regime, aber nicht das dazugehörige Denken verschwand, aus dem heraus bis heute das Ende genau der Philosophie verhindert wird, vor der doch niemand mehr Angst hatte als die Nationalsozialisten", beklagt Stangneth.

Diese provokante These ist deshalb so interessant, weil in der NS-Aufarbeitung vor allem politische, soziologische und psychologische Hintergründe untersucht wurden, selten aber Denkstrukturen und Philosophie der Nationalsozialisten. Darauf konzentriert sich Stangneth. Ihr zufolge konnten die Nationalsozialisten den Menschen die Basis allgemeiner Werte entziehen, indem sie Moral und Vernunft rhetorisch aushebelten – so wie es heute durch die allgemeine Negierung der Moral ähnlich geschehe.

Bereits in ihrem Buch Eichmann vor Jerusalem von 2011 hatte sich Stangneth mit Denkstrukturen der NS-Zeit auseinandergesetzt. Jetzt will die Autorin grundsätzliche Aspekte der Moral philosophiegeschichtlich weiterdenken. Den Eckpfeiler für Moral sieht sie in Kants Vernunft-Begriff. Dieser sollte eine universelle Konstitution des Menschen bezeichnen: Der Mensch sehne sich nach Stimmigkeit im Selbstverhältnis, also einer Übereinstimmung zwischen Denken und Handeln. Und je mehr er sein Denken und Handeln mit den Erfahrungen der Menschheit abgleicht, desto besser könnte die Welt werden. Als Hannah Arendt über 150 Jahre später auf Kant zurückgriff, hatte sich längst erwiesen, dass sich trotz Erziehung zum selbstständigen Denken unfassbar Böses durchsetzen konnte. Der Holocaust hatte Tausende von Mittätern gefordert, von denen viele nach eigenen Aussagen nicht bewusst böse gehandelt haben wollten, was Arendt stutzig machte. Mit dem Begriff der "Banalität des Bösen" beschrieb sie die Bequemlichkeit oder Angst des Menschen, außerhalb der gegebenen Normen zu denken. Wie einst Kant hielt also, wie Stangneth beobachtet, auch Arendt an dem Gedanken fest, dass Vernunft und Denken bessere Menschen machen könnten.

An dieser Stelle denkt Stangneth jetzt weiter. Mit Blick auf die NS-Funktionäre stellt sie fest, dass böses Handeln nicht aus Ignoranz, sondern gerade "aus dem systematischen Denken selbst, das uns als mündig gebildete Bürger anspricht", stamme. Wie also kann sich vernünftiges Denken von der Ethik entkoppeln? Wie kann dann gerade die Vernunft als Waffe gebraucht werden, um zu manipulieren? Anhand von Beispielen aus der NS-Zeit zeigt Stangneth, welche Argumentationsstrukturen dazu führten, vernünftig-logisches von ethischem Denken zu entkoppeln und manipulativ zu agieren – also böse zu denken und zu handeln.

Weniger überzeugend wirken Stangneths permanente Seitenhiebe zu "bösen" Denkweisen heute. Verlieren Jugendliche beispielsweise ihre moralische Urteilskraft, weil sie angeblich keine substanziellen Unterschiede mehr zwischen YouTube-Bespaßungsvideos und der Tagesschau erkennen? Auch wenn es an solchen Stellen dürftig wird, zwingt Stangneths Buch zur moralischen Selbstreflexion.

Bettina Stangneth: Böses Denken. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016; 128 S., 19,95 €