Diesmal musste er sich mit niemandem die Bühne teilen. Sichtlich von der Erhabenheit des Augenblicks berührt, begrüßte Bundeskanzler Christian Kern am vergangenen Samstag jeden seiner zehn Amtskollegen einzeln vor einer flaggengeschmückten Wand im Bundeskanzleramt. Großes Solo für einen Sonnyboy. Der Ballhausplatz war abgesperrt, Polizei kontrollierte die Zugänge. Die Regierungschefs der Staaten entlang der Balkanroute sowie Alexis Tsipras aus Athen und Angela Merkel waren nach Wien gereist, um über den aktuellen Stand der Migration zu konferieren. Auch der EU-Ratspräsident und der Flüchtlingskommissar gesellten sich zu dem Stelldichein auf höchster Ebene.

Die europäische Konferenzdiplomatie ist offensichtlich gehörig in Schwung gekommen. Migrationsgipfel haben derzeit Saison, und so reiht sich ein Treffen an das andere. Mal Bratislava, dann gar im Schatten der UN in New York und nun eben Wien, wo die architektonische Kulisse noch an die Vielvölkervergangenheit in einem Imperium ohne Grenzen gemahnt. Da die Erwartungen ohnehin nicht sonderlich hoch angesiedelt waren, musste niemand im Anschluss an den Staatszirkus Enttäuschung verbergen. Neuerlich waren die alten Stehsätze und Absichtserklärungen ("Außengrenzen sichern") zu vernehmen. Man habe unverblümt "Fraktur geredet", berichtete Kanzler Kern nach dem insgesamt vier Stunden langen Beisammensein, es sei "wohl eher nicht" damit zu rechnen, dass Ungarn weitere Flüchtlinge aufnehmen werde, erklärte Angela Merkel, und Viktor Orbán, der Gast aus Budapest, fantasierte von einer europäischen Flüchtlingsexklave auf libyschen Territorium. Der serbische Regierungschef Aleksandar Vučić war überhaupt noch vor dem gemeinsamen "Arbeitsessen" abgerauscht. Wer wollte, konnte aus der Beliebigkeit der Gipfelroutine auch Bedeutsames herauslesen – etwa, dass die Willkommenskultur des vergangenen Jahres endgültig selig entschlafen sei.

Wo es an Substanz fehlt, muss die Inszenierung Bedeutung suggerieren und für möglichst große mediale Aufmerksamkeit sorgen. Die Bühne, die Kanzler Kern im Augenblick bespielt, ist das Parkett der Weltpolitik. Er hat, begünstigt durch die Sedisvakanz an der Staatsspitze, die Rolle des Krisenmanagers von europäischem Format für sich entdeckt, einen Part, der bis vor Kurzem seinem koalitionsinternen Rivalen Sebastian Kurz auf den Leib geschrieben zu sein schien. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die beiden Alpha-Politiker im nächsten Nationalratswahlkampf gegeneinander antreten werden, und daher ist die Idee nicht unelegant, dem populären Außenminister auf seinem ureigenstem Terrain Paroli zu bieten.

Vor sieben Monaten, Kurz hatte gerade den Hardliner in sich entdeckt, war aus dem Außenministerium die Einladung zu einer Balkankonferenz ergangen – freilich ohne die beiden Länder, die am Anfang und am Ende der Flüchtlingsroute liegen, Deutschland und Griechenland, mit an den Tisch zu bitten, was für bilaterale Verstimmung sorgte. Noch heute lässt sich Kurz dafür feiern, dass auf seinem Gipfeltreffen die Schließung der Balkanroute verabredet worden sei – was so allerdings nicht ganz stimmt.

Der Umgang mit den Asylwerbern aus aller Herren Länder wird auch in absehbarer Zeit weiterhin das alles bestimmende Thema sein, sowohl innenpolitisch als auch auf europäischer Ebene, neben dem die sonst meist heftig umstrittenen Fragen verblassen. Für einen Politiker im Vorwahlkampfmodus, zumal für einen Newcomer wie Kern, ist es deshalb besonders wichtig, sich gerade auf diesem Politikfeld zu profilieren.

Mit etwas Geschick und dem entsprechend gut choreografierten Auftreten lassen sich hierbei auf internationaler Ebene hervorragend Führungsstärke und Managementqualitäten demonstrieren, ohne dass politische Ergebnisse damit einhergehen müssen. Das hatte der alerte Sebastian Kurz früh erkannt. Während etwa die frühere Innenministerin Johanna Mikl-Leitner Grenzregiment und Flüchtlingselend zu administrieren hatte und dabei links wie rechts aneckte, punktete der Außenminister, indem er gute Ratschläge erteilte und Forderungen aufstellte, die andere zu erfüllen hatten.

In diese Poleposition hat sich nun Christian Kern manövriert. War er in den Tagen zuvor während der UN-Vollversammlung mit paralleler Migrationskonferenz in New York noch mit seiner Nemesis Kurz im Tandem in Erscheinung getreten, so hatte er am Samstag die Lufthoheit über dem Regierungsviertel für sich alleine. Im Außenministerium herrschte Funkstille, einige Tage lang blieb der smarte Ressortchef abgetaucht, so, als wollte er die One-Man-Show des Regierungschefs nicht stören. Vielleicht finden beide entgegen allen Vorurteilen sogar zu einer Übereinkunft, das komplexe Problem arbeitsteilig anzugehen.