Elf Millionen Exemplare wurden in Deutschland verkauft, zehn Millionen in Österreich und in der Schweiz: Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry hat den deutschsprachigen Raum seit der Erstübersetzung von Grete und Josef Leitgeb 1950 förmlich überschwemmt. Jeder, aber auch jeder Lesende kennt diese philosophierende Geschichte. Als die Rechte vor einiger Zeit frei wurden, konkurrierten die großen Verlage sofort mit prominenten Neuübersetzungen um den Prinzenkuchen: Ein regelrechter Boom setzte ein. Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm machte das für S. Fischer, der Sänger Thomas Pigor für Kein & Aber, und Suhrkamp schickte gleich drei Stars ins Rennen: Zunächst machte sich Hans Magnus Enzensberger ans Übersetzen, dann bildeten Peter Sloterdijk und der Zeichner Nicolas Mahler ein Team zwecks philosophisch-visueller Neuverzauberung.

Nun hat sich Kai Grehn ebenfalls ans Werk gemacht. Der 1969 geborene, vielfach ausgezeichnete Hörspielregisseur, der schon viele Klassiker in brillante zeitgenössische Hörstücke verwandelt hat, übersetzte das Original in eine etwas weniger existenzialistische Sprache, versammelte ein eindrucksvolles Sprecherensemble und gab interessante Musiker dazu. Der akustische Rahmen ist auffällig: Tatsächlich schwingt die Unendlichkeit des Alls hier permanent mit, von angenehmerweise nie vordergründigen Klangexperimenten von alva noto, dem Pseudonym Carsten Nicolais, und dem Electronic-Duo Tarwater somnambul, fast traumwandlerisch in Szene gesetzt.

Musikalisch ist Grehns Kleiner Prinz gleichsam auf LSD. Sprecherisch nicht, hier ist alles klar, trotz allgemeiner Doppelbödigkeit. Martin Wuttke gibt den melancholisch-rauen Piloten, der allmählich weiser wird, der kleine Prinz vom Asteroiden B 612 selber ist ein dynamischer Alexander Fehling, der selbstbewusst oder nachdenklich staunend die Natur des Daseins erkundet. "Autorität beruht auf Vernunft", verkündet ihm Dieter Hallervorden, der als König "über alles" gebietet: Leicht metallisch verfremdet und unscharf, gleichsam von einem Thron auf dem Nachbarplaneten herab, hört man hier die Zwänge der Macht ebenso wie das auf weise Art Verrückte daran. Auch in dieser Rolle hat Hallervorden wie in einigen seiner letzten Filme neues, altmeisterliches Terrain erschlossen.

Samuel Finzi gibt den gequälten, gestressten Laternenanzünder, der 85-jährige Otto Mellies den legendären Geschäftsmann, Claudia Graue, in einem schönen Einfall akustisch multipliziert, die Rosen im Rosengarten. Tatsächlich gelingt Grehn und seinem Ensemble ein schwieriges Kunststück: das Klischeehafte des gelesenen Textes aufzubrechen und dank einer markanten Vielstimmigkeit bekömmliche Trivialitäten in einer gelungenen, zwischen Ironie und Ernst changierenden Daseinszusammenfassung zu versammeln. Offenbar weiß Kai Grehn: Man hört nur mit dem Herzen gut. Und so wird auch jeder Kitsch vermieden.

Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz. Hörspiel; aus dem Französischen von Kai Grehn; Hörbuch Hamburg 2016; 71 Min., 14,99 €