Die Deutsche Bahn. Für viele Deutsche ist dieses Unternehmen noch immer ein Staatsbetrieb. Und es stimmt ja, der Konzern gehört zu 100 Prozent dem Bund. Aber schon seit zwei Jahrzehnten ist die Bahn ein Unternehmen, das privaten Regeln gehorcht. Für die Passagiere hat sich vieles zum Guten verändert. Aus Beförderungsfällen wurden Kunden. Heute kann man sein Ticket per App kaufen, und meistens schmeckt das Essen im ICE.

Die Bahn hat in Deutschland 195.000 Mitarbeiter, weltweit sind es 310.000. Das Unternehmen hat 861 Beteiligungen in 133 Ländern. Überall dort sollen die Manager für hohe Gewinne sorgen, auch der Wettbewerb untereinander spornt sie an. Möglichst jeder Geschäftsbereich soll profitabel arbeiten, und das auf der ganzen Welt.

Die Deutsche Bahn ist also ein hochmodernes Unternehmen – und eines mit großen Problemen, die oben im Unternehmen entstehen und sich nach unten fortpflanzen, zu den Lokführern, Zugbegleitern, Stellwerkern – und zu den Fahrgästen.

Die Bahn hat fast 18 Milliarden Euro Schulden. Trotzdem setzte Rüdiger Grube 2010 den Kauf des britischen Bahn- und Busbetreibers Arriva durch – für fast drei Milliarden Euro. Um die Schulden zu senken, sollte Arriva zum Teil an die Börse gebracht werden. Doch kürzlich wurde bekannt, dass der Börsengang geplatzt ist. Also wird das Geld wie bisher aus Deutschland kommen müssen. Da gibt es neben Fern- und Regionalverkehr (DB Regio) den Güterverkehr (DB Cargo), das Speditionsgeschäft (DB Schenker), die Infrastruktur des Schienennetzes (DB Netz) und vieles mehr. Sie alle konkurrieren untereinander. So kommt es, dass die Mitarbeiter im Regionalverkehr sich darüber ärgern, wenn ein ICE Vorfahrt hat.

12.23 Uhr, der Regionalzug aus Neumünster fährt in Hamburg ein. An Gleis 11, sechs Minuten zu spät. Von den elf Minuten Umsteigezeit bleiben also noch fünf, um auszusteigen, den Bahnsteig bis zur Rolltreppe entlang, rauf, durchs Gedränge zu Gleis 14, Rolltreppe wieder runter. Wer wenig Gepäck und keine Kinder dabeihat, kann das schaffen. Nur, es gibt auch Verbindungen, bei denen weniger Zeit zum Umsteigen bleibt. Was, wenn der Zug dann sechs Minuten zu spät ist?

Rüdiger Weiß, Leiter der Abteilung Fahrplan: "100 Prozent Pünktlichkeit zu erreichen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn Kunden Anschlussverbindungen nur noch nehmen, die 30 Minuten Puffer haben, dann trifft mich das persönlich. Wir müssen es schaffen, dass sie Verbindungen buchen, bei denen sie nur sieben Minuten Zeit haben, um den Anschlusszug zu erwischen. Das Vertrauen ist einfach nicht da, und das ärgert mich maßlos."

12.26 Uhr, zwischen Gleis 11 und 14, ein kurzer Blick auf die Anzeige am Hamburger Hauptbahnhof. Die Situation der Deutschen Bahn an einem Freitagmittag: Der ICE nach Frankfurt verkehrt ohne die Wagen 12 und 14, der Zug nach Berlin hat zehn Minuten Verspätung, der nach Karlsruhe ist auch zu spät, und der IC nach Stuttgart hat eine technische Störung. Aus den Lautsprechern tönt es: "Wegen Störungen im Betriebsablauf ..."

Lokführer ICE: "Es kommt vor, dass Züge nicht abfahren können, weil der Lokführer eine Pause machen muss. Denn nach spätestens sechs Stunden ist eine Arbeitszeit-Schutzpause von mindestens einer halben Stunde vorgesehen. Wenn sich ein Zug stark verspätet, kann es sein, dass ein Lokführer in diese Pause hineinarbeitet – im Bahnhof muss er die Pause dann nachholen. Es kann also passieren, dass ein Zug so lange steht, bis die vorgeschriebene Pause vorbei ist. Der Reisende wird dann vertröstet mit Durchsagen wie ›Wegen Störungen im Betriebsablauf verzögert sich die Abfahrt‹ oder ›wegen Fahrzeugstörung‹, das wird dem Reisenden so verklausuliert wie möglich mitgeteilt. Manchmal wundern sich die Leute, weil sie sehen: Da ist ja gar kein Lokführer. Das Zugpersonal ist darauf geschult, nicht auf so etwas einzugehen. Das wird im Sprachtraining extra eingeübt."

Die Bahn teilt dazu mit, dass sie sich nach dem gültigen Tarifvertrag und dem Arbeitszeitgesetz richte. "Unser Ziel ist es stets, mit dem betroffenen Arbeitnehmer gemeinsam eine für alle Seiten tragbare Lösung zu finden und die durch das Ereignis tangierte Ruhepause schnellstmöglich zu gewähren." Und weiter: "Umfang und Inhalte der Lautsprecheransagen durch die Kundenbetreuer sind auf die Wünsche unserer Fahrgäste abgestimmt."