Lokführer ICE: "Sie fragen sich bestimmt, wo die Verspätungen herkommen, wenn wir doch so schnell fahren? Ich kann es Ihnen sagen: vom veralteten Schienennetz. Vor allem Kopfbahnhöfe wie Frankfurt sind eine Katastrophe. Selbst wenn ich in Frankfurt überpünktlich eine Minute zu früh einfahre, komme ich fast immer mit fünf bis zehn Minuten Verspätung wieder raus, weil es da nicht genug Gleise gibt. Die Infrastruktur ist am Limit. Ich kann nur den Kopf schütteln, wenn nach jeder Legislaturperiode wieder in die Koalitionsverträge geschrieben wird: ›Wir wollen mehr Verkehr auf die Schiene bringen.‹ Ja, wie denn? Auf der Strecke Hamburg–München zum Beispiel gibt es zwischen Würzburg und Nürnberg ein Nadelöhr. Da ist die Trasse für mehrere Kilometer zweigleisig, und da muss wirklich alles durch. Also der Güterzug von Rotterdam nach Österreich, außerdem der deutsche ICE- und der IC-Verkehr, zum Teil im Fünfminutentakt, dazu noch die Regionalbahn. Die Strecke ist so dicht – wenn da mal was schiefläuft, dann hat man locker 20 bis 25 Minuten Verspätung."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 10.000 Autobahnkilometer gebaut, aber nur 950 Kilometer Gleise. Im Jahr 2000 hatte die Bahn in Deutschland eine Schienenstrecke von 36.588 Kilometern Länge, heute sind es 33.332. Gut 3000 Kilometer weniger. In der gleichen Zeit stieg die Zahl der Trassenanmeldungen, also der Züge, die auf den Strecken fahren wollen, drastisch an: von gut 40.000 auf 75.000 im Jahr 2016. Vereinfacht gesagt, hat sich der Verkehr fast verdoppelt, während die Infrastruktur Jahr für Jahr zurückgebaut wird. Allein in Bayern sind seit der Privatisierung 533 Kilometer Gleise stillgelegt worden. Das übrige Netz ist umso schneller überlastet.

Christian Böttger, Verkehrsexperte von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin: "Der Rückbau des Schienennetzes begann schon in den siebziger Jahren. Natürlich will man damit Geld sparen. Wenn man ein altes Nebengleis an ein elektronisches Stellwerk anschließt, kostet das zwischen 20.000 und 50.000 Euro. Daher wurden in der Vergangenheit Anschlussgleise stillgelegt und auf eingleisigen Strecken Ausweichmöglichkeiten zurückgebaut. Dadurch verliert man Flexibilität, Güterzugfahrten oder Umleitungen sind kaum noch möglich. Zum Beispiel brauchte es einmal drei Tage, um eine Zugladung Sand von Nordniedersachsen nach Nordfriesland zu bringen, weil der Zug nur nachts in der Betriebspause des Personenverkehrs fahren konnte und auch keine Abstellplätze mehr vorhanden waren."

Lokführer Regionalzug: "Ich weiß oft von vornherein, dass der Fahrplan so nicht machbar ist. Was da steht, entspricht dem idealen Betrieb, wenn es keine Abweichungen vom Regelbetrieb gibt, wenn die Schienen trocken sind, die Sicht gut ist, es keine Störung gibt und kein Rollstuhlfahrer ein- oder aussteigt. Das ist der Fall, wenn an einem Sonntagmorgen nur der Pfarrer und zwei, drei Frühaufsteher einsteigen, wenn jeder von denen eine Tür für sich hat. Aber kaum ist da ein Wanderclub, der gesammelt an einer Tür steht, gibt es eine Verspätung."

Gleis 14 am Hamburger Hauptbahnhof. Der ICE nach München fährt ein. Vorn am Bahnsteig: Männer in Anzug und Aktentasche in der Hand, die erste Klasse. In der Mitte, dort, wo laut Wagenstandsanzeiger das Bordrestaurant sein soll, die Wochenendpendler. Sie wissen: Wer an einem Freitag nicht reserviert hat, sollte schnell einen Platz im Speisewagen ergattern. Hauptsache, sitzen. Die Familien mit Koffern und Kinderwagen haben sich weiter hinten aufgestellt. Dort, wo die zweite Klasse sein soll.

Der ICE ist pünktlich, die Fahrgäste haben sich über den Bahnsteig verteilt. Eigentlich ist also alles gut. Stünde nicht an der Anzeigetafel, dass der Zug heute in umgekehrter Wagenreihung verkehrt. Eine Familie, mit Koffern bepackt, läuft fluchend den Bahnsteig entlang. An einer Tür drängeln sich 16 Fahrgäste, treten ungeduldig auf der Stelle, während andere noch aussteigen. Drinnen dann hektisches Suchen nach Plätzen. "Entschuldigung, ich sitze hier", raunzt eine Frau einen jüngeren Mann mit Kopfhörern an. "Ich habe reserviert." Der Mann nimmt die Kopfhörer raus. "Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Wagen sind?" Während die beiden diskutieren, ertönt die Durchsage: "Bitte beachten Sie, dass der Zug heute in umgekehrter Wagenreihung fährt. Außerdem fahren wir auch ohne Waggon 31 bis 38. Die Sitzplatzreservierungen gelten nur für den Wagen 20."