Das Projekt ist streng geheim, nur etwa ein halbes Dutzend Spitzenbeamte in Berlin, Frankfurt und Brüssel sind eingeweiht. Sie bereiten sich auf ein Ereignis vor, das die Republik erschüttern würde und das noch vor wenigen Wochen als vollkommen undenkbar galt: eine Schieflage der Deutschen Bank.

An den Finanzmärkten wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen, dass das größte deutsche Kreditinstitut aus eigener Kraft nicht aus der Krise kommt. Zu Wochenbeginn fiel der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie auf einen neuen Tiefstand, die ersten Spekulanten wetten bereits auf den Niedergang des Geldhauses. Recherchen der ZEIT ergeben: In der Bundesregierung und in den zuständigen Finanzaufsichtsbehörden arbeiten Beamte für den Fall der Fälle allen öffentlichen Dementis zum Trotz bereits an Rettungsplänen für die Bank.

Bislang geht es um Planspiele. Doch sollten sie Realität werden, stünde Angela Merkel ein Jahr vor der Wahl vor einer höchst unangenehmen Entscheidung: Tut sie nichts, risikierte sie eine neue internationale Finanzkrise. Greift die Kanzlerin ein, geschieht unter Umständen das, was in Deutschland eigentlich nie mehr geschehen sollte: Banken werden mit Steuergeldern gerettet.

Die Deutsche Bank gilt in Washington als Wiederholungstäterin

Ob es so weit kommt, hängt auch von einer Frau ab, die Europa nicht zum ersten Mal das Fürchten lehrt: Loretta Lynch. Die amerikanische Justizministerin hat den Korruptionsskandal der Fifa aufgeklärt, die Abgasmanipulationen bei Volkswagen verfolgt und nun der Deutschen Bank wegen krummer Immobiliengeschäfte in den USA eine Strafe in Höhe von 14 Milliarden Dollar angedroht. Die meisten Bankanalysten sind sich einig: Falls die volle Summe fällig wird, ist die Deutsche Bank in akuter Gefahr, zumal das Institut in weitere kostspielige Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist – und in internationalen Aufsichtsgremien derzeit über strengere Eigenkapitalvorschriften für die Banken verhandelt wird. Dem Vernehmen nach würde sich aus diesen Bestimmungen vor allem für europäische Institute wie die Deutsche Bank ein zusätzlicher Bedarf an Kapital ergeben.

Bankchef John Cryan setzt darauf, dass Lynchs Leute noch mit sich reden lassen. So haben sie es auch in vergleichbaren Fällen gehandhabt. Goldman Sachs etwa musste nur gut fünf Milliarden Dollar bezahlen, deutlich weniger als ursprünglich avisiert. Aber die Deutsche Bank gilt als Wiederholungstäterin – und in den USA ist Wahlkampf. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher.

Am Wochenende berichtete der Focus sogar, Cryan habe Merkel um Unterstützung in der Auseinandersetzung mit den Amerikanern gebeten. Die Wahrheit ist wohl: Selbst wenn sie helfen wollte, könnte die Kanzlerin im Moment nur wenig tun. Eine offensive Schützenhilfe aus Berlin würde von den amerikanischen Behörden als unzulässige Einflussnahme gewertet werden und könnte sich nicht mildernd, sondern verschärfend auf das Strafmaß auswirken, heißt es in deutschen Regierungskreisen.

So ist fraglich, ob Lynch der Deutschen Bank so weit entgegenkommt, dass Cryan den Betrag ohne fremde Hilfe begleichen kann. Insgesamt hat das Institut für Rechtsstreitigkeiten knapp sechs Milliarden Euro zurückgelegt. Davon ist aber ein Teil schon für andere Strafzahlungen – unter anderem für einen Geldwäscheskandal in Russland – reserviert und steht deshalb nicht zur Verfügung. Nach Einschätzung von Kian Abouhossein, Bankenanalyst bei der Investmentbank J.P. Morgan, könnte schon eine Buße in Höhe von vier Milliarden Dollar die Deutsche Bank überfordern.

In einem solchen Fall müsste sich die Bank über die Ausgabe neuer Aktien frisches Kapital besorgen oder Unternehmensteile verkaufen. Das Problem daran: Die Preise sind auch wegen der zahlreichen Rechtsrisiken im Keller. Die zur Deutschen Bank gehörige Postbank würde bei einem Verkauf derzeit wahrscheinlich niedriger bewertet werden, als sie in den Büchern der Deutschen steht. Deshalb würde sich ein solcher Deal für das Frankfurter Institut nicht lohnen. Und das Interesse der Investoren, der Deutschen Bank Kapital zur Verfügung zu stellen, dürfte sich in Grenzen halten, wenn dieses Kapital für Strafzahlungen verfeuert wird.

Das Horrorszenario der Bundesregierung sieht so aus: Die Amerikaner bleiben hart, und der Deutschen Bank gelingt es nicht, rechtzeitig genug Kapital aufzutreiben. Wenn dann Investoren ihr Geld abziehen und Kunden ihre Konten plündern, könnte die Lage schnell eskalieren. Das Bilanzvolumen der Deutschen Bank beläuft sich auf die Hälfte der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands, und nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds ist das Institut wegen seiner engen Vernetzung mit anderen Finanzfirmen weltweit das Haus mit der größten "systemischen Bedeutung". Das bedeutet: Wenn etwas schiefgeht, dann richtig.

Der Rettungsplan sieht für den Fall einer solchen Eskalation zwei Stufen vor. In einer ersten Stufe würde versucht, eine private Auffanglösung zu organisieren. Dabei würde die Deutsche Bank Teile ihres Geschäfts verkaufen, und zwar zu einem Preis, der der Bank keine neuen Löcher in die Bilanz reißt. Die Hoffnung der Retter ist, dass sich Interessenten finden lassen, die einen solchen Preis zu zahlen bereit sind, weil sie darauf setzen, dass sich die Anteile mittelfristig als werthaltig erweisen. Im Notfall könnte der Staat die Aktion flankieren, indem er mögliche Verluste mithilfe von Garantieerklärungen übernimmt.

Die meisten deutschen Banken fallen allerdings als Bieter aus, weil sie ebenfalls in einer schlechten Verfassung sind. Die Commerzbank wird voraussichtlich Tausende Stellen streichen, Details will Bankchef Martin Zielke diesen Freitag vorstellen. Infrage kämen Versicherer wie Allianz und Münchner Rück – oder ausländische Unternehmen.