Man kann, wie der italienische Philosoph Maurizio Ferraris, danach fragen, ob die triumphierende Verabschiedung von Wahrheit und Objektivität eine klebrige Gleichgültigkeit erzeugte, einen geistigen Nährboden, auf dem die Neue Rechte politisch Wurzeln schlagen konnte. Ist die Postmoderne mit schuld am Erfolg eines Silvio Berlusconi? Ferraris‘ Fragen lassen einen ratlos zurück, und bei allem sollte man nicht vergessen, dass sich die postmoderne Theorie zunächst als Aufklärung über die Aufklärung verstand, weil sie die betonierte Rationalität einer verwalteten Welt nicht ausstehen konnte. Als Denkschule ist die Postmoderne schon lange tot, doch in den gespenstischen Umrissen einer Post-Truth-Gesellschaft erlebt sie ihre Wiederauferstehung als schwarze Farce. An ihrer Spitze ein Goldjunge des Medienkapitalismus, gefährlich und unberechenbar, ein Mann mit Raubtierinstinkt, der den Eindruck erweckt, er sei von Wölfen aufgezogen worden – nicht einmal der geniale Phantast Jean Baudrillard hätte sich das träumen lassen.

Und nun, nach dem Schlagabtausch mit Hillary Clinton? Auch wenn Trump die Wahl verlieren sollte, so ist es zum Fürchten, dass Millionen Fans ihn feiern und die amerikanische Geldaristokratie kaum willens ist, ihn aufzuhalten – der Internet-Milliardär Peter Thiel unterstützt Trump, ebenso Palmer Luckey, der Gründer der Virtual-Reality-Firma Oculus. Luckey finanziert – Strukturwandel der Öffentlichkeit – eine Technik, die tausendfach Hassmails gegen Hillary Clinton versendet und dabei so tut, als kämen sie von echten Absendern.

Man sollte sich nichts vormachen: Trump ist kein Außerirdischer, er ist, wie die Rechten in anderen Ländern auch, eine reale Möglichkeit, eine postdemokratische Alternative zum Liberalismus. Das Feld war für ihn bereitet, ohne die obszöne soziale Ungleichheit und ohne die neuen Medien wäre er nie so weit gekommen. Würde Trump wider Erwarten zum Präsidenten gewählt werden, dann sollte man von der "westlichen Wertegemeinschaft" besser schweigen. Die amerikanische Demokratie hätte ihren Sieg über den Kommunismus nicht unbeschadet überlebt, und dass Trump sich zu Putin hingezogen fühlt, ist eine Zusatz-Ironie der Weltgeschichte. Siegt Trump, dann siegt der Mythos über die Aufklärung – in God’s own country, der Wiege der Demokratie, dem Herzland des freien Westens.

Das Wort Mythos ist hier keine Phrase aus einem Literarischen Quartett, es meint die Wiederkehr des Archaischen und die Normalisierung von Krieg und Gewalt. Denn wenn in Trumps Post-Truth-Demokratie alle Wahrheit abgeräumt ist, bleibt immer noch eine Wahrheit zurück: der Wille zur Macht. "Wenn ihr (im Publikum) jemanden seht, der sich darauf vorbereitet, Tomaten zu werfen, schlagt ihn zu Brei, okay? Schlagt ihn zu Brei – ich zahle eure Anwaltskosten." Die Austreibung der Moral aus der Politik – das ist es, was Trump ("Räche dich immer!") mit allen Rechten gemein hat. Kein Staat ohne Opfer und keine Politik ohne Gewalt: "Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue in New York jemanden erschießen, und ich würde keinen einzigen Wähler verlieren. Es ist einfach unglaublich." Ja, das ist unglaublich. Ob er einen Krieg mit China anfangen werde, wurde Trump einmal gefragt. Seine Antwort: "Wer weiß?"