Es gibt in einer Gesellschaft seismografische Momente, von denen man ahnt, dass sie Symptome eines größeren Dramas sind, Vorboten einer allgemeinen Erschütterung. Das Duell der Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump, dieser Gladiatorenkampf der Medienmoderne, war ein solches Drama. Und das lag nicht an dem Einschaltrekord, der überall ausgerufen wurde. 100 Millionen Zuschauer! Das größte Fernsehereignis seit der Mondlandung! Die besten Quoten seit den Schüssen auf J. R. Ewing in der Dallas-Soap! Es lag auch, merkwürdig genug, nicht an den Inhalten, um die es ging, nicht an dem aggressiven Disput der beiden Kontrahenten über Handelsabkommen und den Brachialprotektionismus eines Donald Trump, über die Bedeutung der Nato in einem zukünftigen Amerika und über den islamistischen Terror.

Trump-O-Meter: Wie viel Trump steckt in mir?

Das eigentliche Drama, das sich da vor einem Weltpublikum ereignete, handelte von einem untergründig spürbaren Beben, das geeignet ist, das Rationalitätsprinzip des Diskurses auszuhebeln. Es ist, wie an diesem Debattenabend zu erleben war, eine schwer greifbare Medienmacht aus permanenter Information und konstanter Desinformation, aus Dauererregung und Sofortkommentar, aus Twittergewittern und hektisch zuckenden Livetickern und endlos recycelten Statements.

Natürlich, so kann man sofort einwenden, hat Hillary Clinton nach übereinstimmender Auffassung nahezu aller Kommentatoren gewonnen. Sie war souverän und hat doch menschelnd von ihrer Enkeltochter und dem hart arbeitenden Vater erzählt und so den heiklen Balanceakt zwischen der Attacke auf den Gegner und der scheinbar persönlichen Kontaktaufnahme mit dem Bildschirmpublikum gut hinbekommen. Sie hat nach Startschwierigkeiten auch das Tremolo der Unterbrechungen von Donald Trump weggelächelt, seine Lügen zu seiner Haltung im Irakkrieg ("Ich war dagegen") mit Fakten gekontert. Und sie hat ihn, auch dies muss als ein Erfolg verbucht werden, als einen herzlosen, im Zweifel rassistischen Typen präsentiert, der womöglich seit Jahren keine Bundessteuern zahlt und lange den Verschwörungstheorien der sogenannten Birther-Bewegung anhing, die behauptet, Barack Obama sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren. Und schließlich gelang es ihr wieder und wieder, sich selbst, in scharfem Kontrast zu ihrem Kontrahenten, auf den unterschiedlichsten innen- und außenpolitischen Themenfeldern als jemand zu zeigen, der über Konzepte und Sachkenntnis verfügt, sich überhaupt vorbereitet hat, kurzum: politisch argumentiert. Ohne Frage, inhaltlich war sie viel stärker.

Nur: Reicht das? Und kommt es darauf an? Es sind die Minuten nach dem Ende der Debatte, als Donald Trump wieder auf Sendung geht, Interviews gibt, im sogenannten Spinroom der Reporter und Kommentatoren über Clinton lästert, auf Twitter Umfragen feiert, die ihn zum Sieger küren. Der Rückzug in die eigenen Selbstbestätigungsmilieus und Filterblasen in diesem so polarisierten Wahlkampf geschieht ganz unmittelbar. Auch die Attacken auf die etablierten Medien und den angeblich voreingenommenen Moderator Lester Holt werden wieder lauter und schwellen in den Echokammern der sozialen Netzwerke und den einschlägigen Blogs zum großen Gebrüll an.

Wer führt in den Umfragen?

Clinton beherrscht die politische Bühne, den klassischen Diskurs. Trump hingegen ist es, der die Medienmacht neuen Typs perfekt orchestriert. Diese Macht hat kein festes institutionelles Zentrum mehr, sondern zeigt sich in plötzlich aufschäumenden Aufmerksamkeitsexzessen. Sie lebt von gefühlten Wahrheiten ("truthiness"), von zirkulierenden "soundbites" und vermeintlichen Skandalen, von Momenten der Attacke, der Schmierenkampagne und der fortwährenden Überraschung.

Diese Medienmacht hat sich selbst schleichend entpolitisiert und damit, mitunter aus schierer ökonomischer Not, Prinzipien der Entertainment-Abwehr aufgegeben. Sie begreift den Diskurs primär als eine Art Schaukampf, als ein Spektakel der Anzüglichkeiten und Privatheiten. So sorgte sich ein Nachrichtenmagazin: Wird Clinton unter ihrer notorischen Blasenschwäche leiden, wenn sie auf dem Campus der Hofstra-Universität in Hempstead auf Long Island 90 Minuten auf der Bühne stehen muss? Die angesehene Zeitschrift The Atlantic wollte in einem viel zitierten Artikel wissen: Kann die Affenforscherin Jane Goodall das Dominanzverhalten von Trump erklären? Und die altehrwürdige Tageszeitung New York Times klärte ihre Leser darüber auf, welche Antibiotikasorte Clinton gegen ihre Lungenentzündung eingenommen hat und wie lange ihr leichtes Fieber dauerte.

Man könnte das Schlüsselkriterium einer derartigen Berichterstattung, das eben auch die seriösen Medien erfasst hat, zu der Formel verdichten: "It’s all about performance, and you know it!" Trump jedenfalls weiß und lebt das. Er kannibalisiert das knappe Gut der Aufmerksamkeit, speist konstant neue Empörungsvorschläge in die medialen Erregungskreisläufe ein, attackiert die ohnehin bei seiner Anhängerschaft unbeliebten Mainstream-Medien und profitiert davon, dass ihn die erste Garde des amerikanischen investigativen Journalismus zu lange ignoriert hat. Dem Fernsehen liefert er in einer verstörenden Symbiose gigantische Einschaltquoten und sprudelnde Werbeeinnahmen, die ihm mit Dauerpräsenz auf den Bildschirmen vergütet werden. Zwei Milliarden Dollar, so wird geschätzt, hätte er für diese Medienpräsenz regulär an Werbegeld aufbringen müssen. Für ihn war’s gratis, die Gegenleistung: Provokationen, Demütigungen, extremistisches Entertainment nach dem Muster des Reality-TV. Die Wahrheit ist, auch das macht sein Aufstieg deutlich, kein sonderlich verheißungsvolles Geschäftsmodell des Journalismus, Polit-Wrestling funktioniert besser.

Warum sind seine Soundbites und Sprüche für seine Anhänger derart attraktiv? Auch darüber konnte man beim Fernsehduell der ungleichen Kontrahenten einiges lernen. Zum einen lebt Trumps Wirkung von weitgehend ungestörter Dominanz, die diesmal nicht gegeben war; zum anderen ist er ein Meister der brachialen Metabotschaft im Soundbiteformat, die inhaltlich orientierte Debatte liegt ihm nicht.

Die Attraktivität seiner Auftritte besteht in seiner beständig variierten Behauptung: Ich traue mir alles zu, ich halte mich nicht an Regeln, Wahrheit ist gleichgültig, politische Korrektheit sowieso. Es ist die eruptive Wiederaneignung totaler Macht, die er metakommunikativ verspricht. Alles ist auf einmal möglich. Das Ende des Terrors, der beste Deal der Welt, Steuersenkungen ohne Ende, der Wiederaufstieg einer verzweifelten, gebeutelten Unterschicht. Seine Anhänger, die ihn noch während des Duells feierten, deuten diese Botschaft als ein Signal des Aufbruchs, als Möglichkeitsversprechen in einem womöglich desolaten Leben voller Verzweiflung, Geldsorgen, drittklassiger Jobs. Kurzum: Trump liefert die rhetorische Beschwörung des amerikanischen Traums im postfaktischen Zeitalter. Sein einziger wirklicher Programmpunkt ist die beständige Behauptung des Andersseins, des Bruchs, der gewalttätigen Grenzüberschreitung. Es ist dieses Sich-Lösen von konkret verhandelbaren Inhalten, es ist der Wechsel auf die Ebene der aggressiv und diffus schillernden Metabotschaften ("Ich werde ziemlich hartes Zeug machen"), die medial perfekt verwertbar sind und den Enttäuschten und Wütenden des Landes eine sofort verständliche Hoffnungsformel liefern.

Am Dienstagabend war die Dominanz dieses Mannes für einen Moment gebremst, weil es eine Frau gab, die ihm widersprach und sich die Kameras der Welt auf diese Konfrontation gerichtet hatten. Aber es wäre schon eine eigene, sehr unwahrscheinliche Ironie des Schicksals, wenn gut 90 Minuten der Auseinandersetzung einen Donald Trump, dessen natürliches Habitat das Fernsehen ist, wieder zerstören könnten. Er wird bleiben, wenn nicht als Präsident, so doch als Symbolfigur eines drohenden Diskursinfarktes und als der rasende Golem einer Medienmacht, die ihn erschaffen hat.

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