Basel, Badischer Bahnhof. Kinder starren mit großen Augen und verstecken sich rasch hinter den Rücken ihrer Müttern. Passanten wenden sich irritiert ab. Eine Gruppe älterer Herren mit Hosenträgern spottet in spitzem Basler Dialekt: "Ist schon wieder Fasnacht?"

Kein Kopf, der sich an diesem Samstagnachmittag im September nicht nach Ephraim Meister und Leon Schneider umdreht. Die beiden Männer, 26 Jahre alt, staken als Effi Mer Delamaskis und Pokémon Jessie durch die Straßen. Sie sind auf dem Weg nach Zürich, ins Theater Neumarkt. Dort wird heute die "Miss Heaven" gekürt, die Königin der Dragqueens.

"Drag ist für mich ein Ventil", sagt Leon Schneider. Im Alltag erlebe er als offen schwuler Mann oft Anfeindungen, er werde als "Schwuchtel" oder "Tunte" beschimpft – oder sogar angespuckt. "All den Dreck, den ich fressen muss, sauge ich auf wie ein Schwamm", sagt er. "Auf der Bühne kann ich ihn auswringen."

Ein paar Stunden zuvor. Die beiden Männer haben sich um 14 Uhr in Schneiders Wohngemeinschaft zum "Aufdragen" verabredet. Gemeinsam wollen sie sich in Frauen verwandeln. Aber Ephraim Meister verspätet sich. "Ich musste mir noch eine neue Pussy kaufen", entschuldigt er sich, als er schließlich doch noch eintrifft – und präsentiert grinsend eine Plüschkatze.

In den nächsten Stunden herrscht Chaos im Badezimmer der WG. Überall liegen Pinsel, Schminkpaletten, künstliche Haarteile herum.

Aus Leon Schneider, einem Kindergärtner mit platinblondem Haar, bleichem Teint und dürren Beinen in getigerten Skinny Jeans, wird die Comicfigur Jessie: mit falschen Brüsten aus Plastik, einem prallen Hintern aus Schaumstoff, engen Strumpfhosen und Stiefeln mit zentimeterhohen Absätzen. Kraftvoll presst Schneider seine Augenbrauen mit Spezialleim an die Stirn: "Man muss das alte Gesicht erst wegschminken, bevor man ein neues malt."

Neben ihm verwandelt sich der androgyne Kunststudent Ephraim Meister, ein Mann mit seitlich rasiertem Haar und dunkelblondem Schopf, an diesem Nachmittag in ein Fabelwesen, das auf den Namen Effi Mer Delamaskis hört. Er klebt sich falsche Dreadlocks auf den Kopf, bindet sich eine Corsage um und zieht einen schwarzen Kimono über. Den Büstenhalter stopft er mit orangefarbenen Robidog-Säckchen aus.

Allen Dreck, den ich fressen muss, sauge ich auf wie ein Schwamm. Auf der Bühne kann ich ihn auswringen

Es ist still im Badezimmer. "Die Verwandlung hat etwas Meditatives, man ist mit sich selbst konfrontiert", sagt Meister. Am Spiegel prangt ein Kleber mit der Aufschrift "Steh zu dir!". Drag ist für die beiden mehr als ein Verkleiderli-Spiel. Mehr als heitere Fasnacht. Für sie ist es Widerstand, Provokation – und Therapie. Wie ein Superheldenkostüm, in das man hineinschlüpft: "Ich hinterlasse einen bleibenden Eindruck, kriege Aufmerksamkeit. Und ich kann etwas Distanz zu meinem privaten Ich haben."

Dann müssen die beiden Dragqueens los. Um 17 Uhr sitzen sie im ICE in Richtung Zürich. Meister lächelt Kinder an. "In ihren Augen bin ich ein Monsterchen oder Gespenst. Aber nicht etwas, das man nicht sein darf", sagt er.

Erwachsene reagieren anders: meist schockiert, gar angewidert, teilweise fasziniert. In der Zürcher Bahnhofshalle findet die "Züri Wiesn" statt; die Besucher grölen ihre Schlager so laut, dass man sie bis zu den Geleisen hört. Die Dragqueens stolzieren durch die Menge. "Ich glaube, ich bin im falschen Film!", sagt eine angeheiterte Oktoberfest-Besucherin, die im Dirndl neben dem Festzelt steht. "Ui, diese Farben!", sagt eine etwas ratlose junge Frau, ganz in Schwarz gekleidet.

"Als schwuler Mann wirst du in der Schweiz vielleicht toleriert, also geduldet. Aber nicht akzeptiert", sagt Schneider. "Drag deckt das auf. Du hältst diesen Menschen den Spiegel vor. Wenn sie dich scheiße finden, sagen sie dir das auch. Und wenn sie offen sind, merkst du ihr Interesse."

Drag als politisches Statement? Nicht nur, erzählen die beiden.

Für Leon Schneider ist es auch eine Selbstfindung. Er wuchs auf dem Land auf. Sein Vater hat wenig Verständnis für seine Drag-Welt: "Als ich klein war, fand er mein Schauspielern noch herzig. Jetzt, da ich erwachsen bin und es mir ernst ist, hat er viele Vorurteile."

Erstmals in die Rolle einer Frau schlüpfte Schneider beim "Tuntenball" im Alternativlokal Hirscheneck in Basel. Das war vor zwei Jahren. "Ich hatte bis dann nie das Bedürfnis, mich als Frau zu verkleiden. Dieses erste Mal war unglaublich. Ich war wie verzaubert." Seither macht er sich regelmäßig zur Frau. Eines seiner Vorbilder ist die legendäre amerikanische Dragqueen Divine. Sie spielte in den 1960er Jahren in den Filmen von John Waters – und aß da auch Hundekot. Später eroberte sie als Discosängerin die Hitparaden. "Die schönen, netten, politischen korrekten Drags interessieren mich nicht", sagt Schneider: "Ich mag die verwirrten, bösen." Drum sei er meistens eine dumme, freche Frau – ein richtiges Wrack.