Davon, dass Dresden jetzt eine Stadt in Sorge ist, zeugen überdimensionierte Lego-Steine aus Beton, sie stehen überall am Straßenrand, es sind schwere, schier unverrückbare Brocken. Im Polizeipräsidium nennt man die Steine "Nizza-Sperre". 1.400 von ihnen werden derzeit aufgebaut. Sie sollen verhindern, dass Attentäter, wie beim Anschlag von Nizza, mit Fahrzeugen in eine Menschenmenge rasen können.

Am 3. Oktober wird Dresden Gastgeber der Einheitsfeier 2016 sein, doch die Ehre, das Fest auszurichten, tritt dieser Tage in den Hintergrund. In den Vordergrund rückt ein mulmiges Gefühl – beim Oberbürgermeister, beim Innenminister, beim Polizeipräsidenten. Wer in Dresden Verantwortung trägt, sorgt sich vor Anschlägen, vor Gewalt am Tag des Fests, zu dem Hunderttausende Gäste erwartet werden.

Am späten Montagabend dieser Woche hatte Dresden, kurz hintereinander, zwei Sprengstoffanschläge erlebt. Der erste Anschlag galt einer Moschee im Stadtteil Cotta; der Imam, seine Frau und die beiden Kinder hatten sich zur Tatzeit im Gebäude aufgehalten und waren nur durch Glück unverletzt geblieben. Dann explodierte ein Sprengsatz am Kongresszentrum unweit des Landtags, auf einer Terrasse an der Elbe. "Feige" nennt Innenminister Markus Ulbig (CDU) die Anschläge, die Polizei vermutet einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Sollen die Attacken als Vorwarnung für den 3. Oktober verstanden werden? War es Zufall, dass sie am 36. Jahrestag des Münchner Oktoberfest-Attentats verübt wurden? Und haben die Täter die Terrasse des Kongresszentrums gezielt ausgewählt? In dem Gebäude wird Joachim Gauck, der Bundespräsident, am Einheitsfeiertag mit Bürgern zusammentreffen.

Nur wenige Details über den Tathergang will die Polizei preisgeben, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Dafür aber alles tun, um, wie Dresdens Polizeipräsident Horst Kretzschmar sagt, "das Sicherheitsgefühl, das schon gesunken ist, wieder zu erhöhen".

Dresden ist am Tag nach den Anschlägen zu einer Hochsicherheitszone geworden: Sämtliche Maßnahmen, die eigentlich erst für den Tag der Deutschen Einheit geplant waren, wurden vorgezogen und gelten ab sofort. Mit Zahlen kämpft die Polizei jetzt gegen die Angst der Bürger: Bis zu 2.600 Polizisten sollen in den kommenden Tagen in der Stadt sein, 3.800 Meter Gitter-Absperrungen werden aufgebaut, 50 Fahrzeugsperren errichtet. Ab sofort werden nachts in der Innenstadt verdachtsunabhängige Personenkontrollen stattfinden. Alle muslimischen Einrichtungen stehen unter Polizeischutz. Rund um den Einheitstag sollen auch Flugverbotszonen eingerichtet werden, die sogar für Drohnen gelten; zeitweise wird die Elbe für den Schiffsverkehr gesperrt. Besonderes Augenmerk will die Polizei auf die Absicherung jener Veranstaltungen legen, an denen Spitzenpolitiker, darunter auch die Bundeskanzlerin, teilnehmen.

Das oberste Ziel für den 3. Oktober, sagt Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert, sei jetzt: ein klares und deutliches Zeichen hinaus in die Welt zu senden, dass Dresden in Wahrheit eine friedliche, weltoffene Stadt sei.