Mit sehr grimmiger Miene trat Iris Gleicke (SPD), die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, in der vorigen Woche vor die Presse, um den neuen "Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit" vorzustellen. Sie habe kaum gute Nachrichten über die wirtschaftliche Lage der neuen Länder zu verkünden: Der Abstand zum Westen sei für den Osten "nicht aufzuholen", und "das ist natürlich nicht gut", so Gleicke. Der Osten entwickle sich im Vergleich zum Westen "äußerst verhalten", und das sei "die eher freundliche Formulierung". Gleicke sagte auch: "Ich kann vor dem Aufsetzen von rosaroten Brillen nur warnen." Was denn: Steht es so katastrophal um die Ost-Wirtschaft?

1. Wird der Osten wirtschaftlich auf ewig nicht zum Westen aufschließen?

Thomas Müller ist kein überragender Fußballer. Jedenfalls ist er es dann nicht, wenn man ihn immer nur mit Lionel Messi vergleicht. Ein Audi ist kein überragendes Auto. Jedenfalls dann nicht, wenn man ihn immer nur an einem Porsche misst. Und Ostdeutschland ist eine hoffnungslos wirtschaftsschwache Region – vorausgesetzt, man vergleicht es immerzu nur mit Westdeutschland, einer der reichsten Regionen der Welt. Der Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit ist im Grunde ein Bericht, der auf schlechte Laune angelegt ist: Die Wirtschaftskraft je Einwohner? Im Osten 27,5 Prozent unter dem Westniveau. Die Steuereinnahmen? Deutlich unter dem Westdurchschnitt. Die Firmen? Viel kleiner als die im Westen.

Aber vergleicht man Ostdeutschland mit anderen europäischen Regionen, kann man nur sagen: Diese Gegend hat sich in Teilen überragend entwickelt. Der Aufbau-Ost-Bericht belegt es selbst: Es ist das Bruttoinlandsprodukt der neuen Länder je Einwohner zwischen 1991 und 2015 von 42,8 auf 72,5 Prozent des Westniveaus gestiegen. Ist das denn nichts?

In Wahrheit ist das permanente Messen des Ostens am Westen das Problem – der Wettstreit mit einer Region, die 40 Jahre länger Zeit hatte, Firmen, Vermögen und Industriezentren aufzubauen. Ja, es mag stimmen: Der Osten wird wahrscheinlich nie Westniveau erreichen. Die gute Nachricht ist: Er muss das auch gar nicht. Erstens hat der Osten seine eigenen Reize. Zweitens hilft man den neuen Ländern nur, wenn man anerkennt, was funktioniert. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt seit Jahren. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner wächst stärker als in Westdeutschland. Die Steuerdeckungsquote steigt, und viele Ostländer bereiten sich schon heute darauf vor, dass bald große Teile der Soli-Zahlungen auslaufen könnten.

2. Verdienen die Ossis immer noch viel weniger Geld als die Wessis?

Auf den ersten Blick sind das natürlich bittere Zahlen: Der Durchschnittsbruttolohn Ost liegt bei 2.600 Euro, der im Westen dagegen bei 3210 Euro. Aber: Dieser Abstand hat sich, auch im vorigen Jahr, weiter verringert. Die Ostlöhne sind von 78 auf 81 Prozent des Westniveaus gestiegen, auch weil der Osten stärker vom Mindestlohn profitiert hat als der Westen. Und dann darf man nicht vergessen, dass die Lebenshaltungskosten im Osten wesentlich niedriger liegen als im Westen. Das ist mehr als nur Zahlenkosmetik. Denn wenn man, zum Beispiel, davon ausgeht, dass das Anmieten einer Vierzimmerwohnung in München gut und gerne doppelt so viel wie in Leipzig kosten kann, schmelzen die Einkommensunterschiede schnell zusammen. Nach wie vor gilt: In westdeutschen Großstädten zu leben, das muss man sich leisten können – in den ostdeutschen Großstädten dagegen reicht relativ wenig Geld für relativ viel soziale Teilhabe. Die Lohnunterschiede zwischen Ost und West haben ja auch einen einfachen Grund: Der Umstand, dass die Unternehmen im Westen im Durchschnitt viel größer sind, führt zum Beispiel dazu, dass deren Produktivität steigt – und damit auch die Löhne nach oben klettern können. Das wird sich so schnell nicht ändern lassen. Hier noch eine gute Nachricht aus dem Bericht zum Stand der Einheit: Der sogenannte Gender Pay Gap, der Unterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen also, ist im Osten viel kleiner (8 Prozent) als im Westen (23 Prozent). Das ist auch Gerechtigkeit.

3. Werden die Ostrenten denn nie angeglichen?

Der Streit um die Renten, diese am längsten währende und ewiglich geführte Ost-West-Debatte, ist ein Evergreen der Einheit: Immer noch sind die Ostdeutschen, was die Renten betrifft, benachteiligt – so beklagt es der Aufbau-Ost-Bericht. Stimmt ja auch. Theoretisch. Selbst nach der größten Rentenanpassung der vergangenen 23 Jahre, durchgeführt zum 1. Juli 2016, erreicht der Rentenwert Ost nur 94,1 Prozent des Rentenwerts West, das heißt: Im Grunde muss ein Ostdeutscher für dieselbe Rente mehr, länger, härter arbeiten. Tatsächlich geht es ostdeutschen Rentnern jedoch vielfach besser als westdeutschen: Weil sie im Schnitt mehr Geld erhalten. Das liegt daran, dass der Rentenbeitrag der Ostdeutschen rechnerisch aufgewertet wird, dass sie häufig ihr Leben lang durchgearbeitet und immer fleißig eingezahlt haben ("lückenlose Erwerbsbiografie" nennt man das), weshalb ihnen am Ende auch mehr ausgezahlt werden kann. Besonders gut stehen Ost-Ehepaare da: Weil in der DDR quasi alle Frauen einem Beruf nachgingen, erhalten auch fast alle ostdeutschen Frauen eine Rente. Das soll keine Schönfärberei sein, aber ein Grund für Selbstbewusstsein ist es allemal.

4. Hängen die Ostdeutschen bis heute der DDR nach?

Es gibt ein Problem in Berlin-Hohenschönhausen, dort, wo die Stasi-Gedenkstätte steht. Das Problem ist so gravierend, dass sich der Gedenkstättenleiter schon hilfesuchend an die TU Berlin gewandt hat, auch der Stadtrat ist involviert. Das Problem: Die Gedenkstätte ist zu erfolgreich. Sie wird von so vielen Menschen besucht (voriges Jahr waren es 440.000), dass sich inzwischen Anwohner beschweren. Denn viele Besucher kommen mit Bussen zum Museum, jeden Tag sind es um die 80 dieser Busse, und diese stehen an der Straße und stören die Anwohner. Im Einheitsbericht steht: "Bei der Aufarbeitung der SED-Herrschaft und der bis heute nachwirkenden Folgen von 40 Jahren Diktatur in der DDR besteht nach wie vor Handlungsbedarf." Dabei ist das Interesse der Deutschen an der DDR-Vergangenheit so groß wie selten zuvor. Erst vor drei Jahren wurde in Berlin eine Dauerausstellung zum Alltag in der DDR eröffnet – es ist die zweite dieser Art allein in Berlin. Fernsehsender feiern Erfolge mit Filmen und Serien zur DDR-Geschichte, und immer noch wenden sich Jahr für Jahr Zehntausende an die Stasi-Unterlagen-Behörde, um Akten einzusehen. Im vorigen Jahr waren es 62 544. Für die brauchte man dann schon mehrere Hundert Reisebusse.