Liebe ARD, liebes ZDF, wärt ihr Menschen und kein Fernsehkanal, dann würdet ihr das Handy in einer Gürteltasche tragen, weil es praktisch ist. Euer Klingelton wäre sehr laut. Auf Geburtstagen würdet ihr dem Jubilar "Herzlichen Glühstrumpf" wünschen, weil ein Wortspiel das Leben schöner macht. Im Zug würdet ihr fünfzehn Minuten vor Ankunft aufstehen, für alle Fälle. Du, ZDF, würdest vielleicht Peter heißen. Und du, ARD, Regine. Man muss euch beide einfach gernhaben. Bleibt bitte, wie ihr seid. Denn, ehrlich gesagt: Ich mache mir Sorgen. Ihr redet so merkwürdig neuerdings.

An diesem Samstag startet ihr ein Projekt, mit dem ihr junge Menschen erreichen wollt, so richtig junge Menschen, die 14- bis 29-Jährigen. Ihr nennt dieses Projekt "Junges Angebot von ARD und ZDF", was immerhin ein solider Name ist. Ihr gebt dafür jährlich 45 Millionen Euro aus. Das "Junge Angebot" ist kein Kanal im Fernsehen, wenn ich euch richtig verstanden habe. Sondern eine Plattform im Internet, von der aus "Content" an "User" verteilt wird, über Snapchat, Instagram und YouTube.

Und es ist ja völlig okay, ARD und ZDF, dass man die Wörter "Content" und "User" benutzt – aber ihr klingt dabei ein bisschen wie die Eltern, die verzweifelt versuchen, ihr pubertierendes Kind anzusprechen, nach Wochen der Stille.

So klingt es auch, wenn ihr offiziell bekannt gebt, dass ihr mit dem jungen Angebot "ein wenig Start-up-Atmosphäre in das schwerfällige System" bringen wollt. Mit dem "schwerfälligen System" – da meint ihr euch, richtig? Wie Vater und Mutter, die sich im Kampf mit dem 14-Jährigen selbst herabsetzen, um das Gegenüber zu erhöhen: "Absolut verständlich, dass du deine uncoolen Eltern im Moment nicht so gernhaben kannst. Aber wir versuchen gerade echt, ein paar Sachen besser zu machen." Warum seid ihr so ängstlich und defensiv? Wo ist euer Stolz?

Die Schwerfälligkeit ist das Schönste an euch, ARD und ZDF. Ihr haltet den Alltag in seiner Umlaufbahn. Ihr gebt Auskunft über den Fortgang der Zeit, wie eine Uhr: Morgenmagazin, Mittagsmagazin, Tagesthemen. Ihr findet immer das richtige Maß, das Mittelmaß. Ihr zeigt Deutschland, wie es wirklich ist: nicht sehr spannend. Die Provinz, Kreisstädte, Mittelzentren.

Ich habe zum Beispiel Angst, dass es irgendwann nicht mehr die Rosenheim-Cops gibt. Wenn ich nach Hause komme, nach getaner Arbeit, und den Fernseher anschalte, dann sind da der dicke und der dünne Kommissar, 19.25 Uhr, ZDF. Der eine ist sportlich (der Dünne), der andere ist gemütlich (der Dicke). Und dann gibt es noch einen Streifenpolizisten, der ein bisschen ein Trottel ist, und eine Sekretärin, die tratscht. Ich finde, das ist ein gutes Konzept. Werden die Rosenheim-Cops, sei ehrlich, ZDF, ihren Platz finden in der neuen "Start-up-Atmosphäre"?

Oder es gibt das ARD-Buffet, vormittags. Da läuft die sehr freundliche Moderatorin von einem Koch, der Staudensellerie grillt und Kapern frittiert, zu einem ernsten Handwerker, der den Zuschauern beibringt, wie man sich mit einem bunten Chrysanthemengesteck auf den Altweibersommer vorbereitet. Am Schluss setzen sich alle an einen Tisch und essen. Dann wird hinübergeschaltet zu Hannelore Fischer, ins Mittagsmagazin. Als Fischer dort zu moderieren begann, 1989, war ich zwei Jahre alt. Frau Fischer kommt aus München und rollt das r. Sie verändert sich praktisch nicht; sie ist wie die Ewige Stadt Rom.

Nehmt euch ein Beispiel an ihr, ARD und ZDF. Bleibt, wie ihr seid. Denn ihr seid großartig. Alle verändern sich. Die katholische Kirche, das Klima. Carsten Maschmeyer ist neuerdings nett. Ich finde, ihr müsst da nicht mitmachen. Wenn die Hand die Fernbedienung umschließt, weist der Zeigefinger auf euch – das ist doch ein ewiges Gesetz. Ihr seid für immer die Nummer eins. Und die Nummer zwei.

Und ich soll euch noch was ausrichten, von einem Freund: Es war ein Fehler, das Forsthaus Falkenau einzustellen. Aber das wisst ihr hoffentlich selbst.

Euer Felix Dachsel