Der angebliche Putschist erhebt sich nur mit Mühe aus seinem Sessel. Fethullah Gülen, 78, dem die türkische Regierung vorwirft, im Juli einen Staatsstreich organisiert zu haben, ist ein alter Mann mit Arthrose. Der Prediger lebt im amerikanischen Exil. Saylorsburg, Pennsylvania, ist eine verschlafene Siedlung auf dem Land und ein bescheidener Treffpunkt für Gülens Schüler. Das Gelände wirkt nicht wie die Festung einer Gemeinde, die der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan zur Terrorbewegung erklärt hat. Gülen empfängt in einem schlichten, hellen Raum. In langen Regalen stehen verschiedene Koran-Interpretationen. Er winkt die Besucher zu sich heran, begrüßt sie in seinem altertümlichen Türkisch. Er bleibt ganz nah neben seinem Sessel stehen.

DIE ZEIT: Herr Gülen, Sie haben als einfacher Imam angefangen und eine weltweite Religionsgemeinschaft mit weit über einer Million Anhänger begründet. Wie fühlen Sie sich jetzt als Staatsfeind?

Fethullah Gülen: Ich fühle mich schikaniert. In der Türkei war ich ein staatlich lizenzierter Prediger. Aus meinen Predigten entstanden über 70 Bücher, in denen Sie nachlesen können: Ich verurteile jeglichen Terror. Ich habe die türkischen Präsidenten Süleyman Demirel und Turgut Özal unterstützt, weil sie sich zur Demokratie bekannten. Wer andere Menschen Terroristen nennt, obwohl sie Frieden predigen, ist selbst ein Terrorist.

ZEIT: Schon 1999 wurden Sie angeklagt, die Regierung stürzen zu wollen.

Gülen: Die höchsten richterlichen Instanzen der Türkei sprachen mich frei.

ZEIT: Säkulare Türken nennen Sie einen Islamisten und werfen Ihnen vor, dass Ihre Hizmet-Bewegung, die im Westen meist Gülen-Bewegung genannt wird, demokratiefeindlich sei.

Gülen: Das stimmt absolut nicht. Ich habe den politischen Islam immer abgelehnt. Wer Politik und Religion vermischt, schadet beidem – aber der Religion besonders. Unsere Hizmet-Bewegung will Toleranz und Verantwortung stärken. Es widerspricht ihrem Geist, anderen einen Glauben aufzuzwingen.

ZEIT: Warum sind Sie Prediger und nicht Politiker geworden?

Gülen: In den siebziger Jahren war ich Imam in einer Moschee, wo Gläubige aller politischen Richtungen beteten. Als der frühere Präsident Erbakan mir einen Sitz im Parlament anbot, damit ich seine Partei unterstütze, habe ich gesagt: Dann würde ich Teile meiner Gemeinde brüskieren. Lernen und Lehren sind mein Lebenszweck. Eine aktive Rolle in der Politik passt dazu nicht.

ZEIT: Dennoch sind Sie ein politischer Akteur. Warum haben Sie Recep Tayyip Erdoğan und seine Partei AKP unterstützt, die doch aus einer islamistischen Bewegung erwuchs?

Gülen: Weil er versprach, unserem Land den Weg in die EU zu ebnen. Am Anfang, als ich für einen EU-Beitritt argumentierte, verdammten Erdoğans Anhänger mich noch als unislamisch. Ein Beitritt sei nicht im Sinne des Islams. Später änderte Erdoğan seine Meinung. Er hoffte, dass Hizmet für ihn als Führer aller Muslime wirbt.

ZEIT: Was verband Sie persönlich mit ihm?

Gülen: Weder meine Freunde noch ich selbst standen Erdoğan nahe, auch wenn das behauptet wird. Ich traf ihn nur wenige Male, bevor er 2003 Ministerpräsident wurde. Als er die AKP gründete, versprach er Demokratie, wollte die Menschenrechte stärken und die politische Macht des Militärs einschränken. Deshalb hat Hizmet ihn unterstützt. Aber nach dem dritten Wahlsieg der AKP im Jahr 2011 brach er seine Versprechen und machte eine Kehrtwende: weg vom Verfassungsstaat hin zum Präsidialsystem.