Clickbaits

Wissen Sie, wie Selena Gomez ihren Ex-Freund Justin Bieber lächerlich gemacht hat? Oder dass Beyoncé neulich Ohrringe trug, die ein "Shut up" aus Gold und Diamanten formten? Ich schon. Ich bin Clickbaitopfer: Auf Facebook und Twitter verwandele ich mich in einen willenlosen Klickprimaten. Stundenlang lese ich Texte über Ernährungsgeheimnisse, bizarre Unfälle und LSD-Trips. Vor allem aber über Prominente. Nicht, dass mich das alles übermäßig interessiert. Mich triggern diese perfiden Cliffhanger-Anreißer, die mehr verhüllen als erklären. Meist geht es dann nur um ein neues Tattoo oder Taylor Swift in Jogginghosen.

Enttäuscht bin ich trotzdem nicht. Gerade die Diskrepanz zwischen dem großen Versprechen und der totalen Banalität fixt mich an. Wenn Buzzfeed behauptet: "John Krasinski’s Latest Comments About Emily Blunt Will Destroy You", dann frage ich mich: Wer war noch mal John Krasinski, und warum werden mich seine Aussagen zerstören? Ah, er ist der Mann von Emily Blunt, und sie ist sein Vorbild, krass. Oder: "Leave it to Beyoncé to shock us while on vacation." Womit uns Queen B jetzt schon wieder schockt? Geben Sie es zu, Sie wollen es auch wissen. Ich verrate es Ihnen: Sie springt von ihrer Jacht ins Meer!

Eibrötchen

Mit acht Jahren erklärte ich meinen Eltern, wir saßen gerade im Chinarestaurant, dass dieses "Hühnchen süß-sauer" auf meinem Teller mein letztes sein würde. Nie wieder Huhn, nie wieder Leberwurst, nie wieder Fleischsalat. Bis heute esse ich kein Fleisch, kaufe Biomilch, Biokäse und Bioeier. Für mich sollen Tiere nicht leiden. Mein Gewissen kennt nur eine Ausnahme: Eibrötchen. In ihrer Höchstform bestehen sie aus nur drei Komponenten: einer Schrippe, einer Schicht Remoulade und mittelhart gekochten Eiern mit leuchtend orange industriell nachgefärbten Eigelben. Sehe ich so eine Delikatesse in einer Auslage, muss ich einfach zugreifen.

Erst heute Morgen habe ich wieder eines in der Kantine gekauft. 1,20 Euro, ein unschlagbarer Preis. Und natürlich ein Hinweis. Die Eier müssen von todunglücklichen Hühnern stammen, die zum monotonen Krchzzkrchzzkrchzz des Schredders, der im Hintergrund männliche Küken häckselt, Ei um Ei legen, bis auch sie eines Tages auf einem Fließband landen. Es ist schrecklich.

Ich schäme mich für jedes Eibrötchen, das ich kaufe. Sehe mich vorher um, ob Leute in der Nähe sind, die mich kennen. Selbst meine Freundin hat mich noch nie ein Eibrötchen kaufen sehen. Bestimmt dreimal die Woche schlage ich zu. Hühner, es tut mir leid.

Poker

Wenn die Chips klimpern, mein Herz hämmert und die Gegner, wütend über meinen räudigen Bluff, Gott verfluchen oder mit den Zähnen knirschen: Dann spüre ich ein leichtes Kribbeln in der Brust. Das ist meine Spielsucht. Sie lebt schlecht getarnt als Glücksversprechen irgendwo im Nucleus accumbens meines Vorderhirns.

Keine Sorge, ich habe das unter Kontrolle. Viel Geld habe ich beim Pokern zum Glück nie gewonnen, sonst wäre ich heute wahrscheinlich ein armer Mann. Auf Turnieren in Wandsbek oder St. Pauli aber, wo unrasierte Typen saßen, die nie blinzelten, flog ich meist früh raus. Ihre großen Egos schmolzen mein Pokerface.

Auf einer USA-Reise fand ich mich, reiner Zufall, in Las Vegas wieder. Ich spürte das Kribbeln in der Brust und ging zum Warmwerden an einen Roulettetisch, an dem es eine rote Serie gegeben hatte. Ich setzte viermal in Folge auf Schwarz. Es fiel viermal Rot. 80 Dollar waren futsch. Ich dachte an die Typen in Hamburg-Wandsbek. Wie würden erst die Profis hier drauf sein? Anstatt mich an einen Pokertisch zu setzen, fuhr ich in eine Mall.

Dieser Moment der Feigheit verfolgt mich bis heute. Und in schwachen Stunden gucke ich im Internet nach Las-Vegas-Flügen. Gerade kosten sie 500 Euro.

Anant Agarwala mag auch "Der Schaum der Tage" von Boris Vian, Humphrey Bogart und Bären