An diesem Tag muss sich zeigen, was die Versprechen der Outdoor-Industrie wert sind. 120 Menschen in Regenjacken haben sich am Gleinkersee in Oberösterreich versammelt, am Samstagmorgen starten sie zu einer 24-Stunden-Wanderung. Es regnet nicht – es schüttet. Wie lange halten Goretexjacken, Rucksackregenhüllen und Membran-Trekkingschuhe dicht?

Kurz nach sieben Uhr ruft Gerlinde Kaltenbrunner ins Mikrofon: "Spätestens am Nachmittag kommt die Sonne!" Die Aufmunterung an die Wanderer klingt nicht nach dem professionellen Optimismus eines Promoters, sondern leise und warmherzig. Sie meint es ehrlich, ihre braunen Augen strahlen ins feuchte Grau. Dann setzt sie die Kapuze auf und marschiert los.

Als eine der besten Bergsteigerinnen der Welt, als einzige Frau, die alle Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hat, ist Kaltenbrunner nun die prominente Anführerin einer Benefizaktion im Toten Gebirge: Die Startgebühr der Teilnehmer wird für eine Schule in Nepal gespendet.

Am Vorabend hat sie sich bei den Helfern und Sponsoren bedankt. Kaltenbrunner steht nicht gern im Mittelpunkt, weiß nicht recht, wohin mit ihren Händen, hakt die Daumen in den Taschen der Jeans ein. Wenn sie lächelt, zeigen sich Grübchen unter den kräftigen Wangen im schmalen Gesicht. Ihre Arme und Beine sind dünn. Sie ist 45 Jahre alt, 1,73 Meter groß und wiegt 53 Kilo. Ihre Schultern drücken nach vorn, als ob sie zu oft einen schweren Rucksack getragen hätte. Am Gipfel des K2 im Karakorum-Gebirge wog er 17 Kilo. Der zweithöchste Berg dieser Welt ist 8611 Meter hoch, sie schaffte ihn erst im siebten Anlauf. Fünf Jahre ist das her, es war der letzte der 14 Achttausender dieser Erde, den sie noch nicht bestiegen hatte.

Was macht eine Berufsbergsteigerin, die all ihre Ziele erreicht hat? Wie will sie sich gegenüber der Konkurrenz profilieren, die ständig neue Superlative bietet? David Lama versucht sich an der Erstbesteigung des Lunag Ri im Himalaya, Dani Arnold hat gerade die 800 Meter hohe Nordostwand des Piz Badile in der unfassbaren Rekordzeit von 52 Minuten bezwungen.

Gerlinde Kaltenbrunner entzieht sich dem Wettrüsten der Alpinisten. "Wenn sie von Projekten reden", sagt sie und spricht das Wort "Projekt" so geringschätzig aus, als ob es etwas Unanständiges sei, "dann ist das ein ganz anderer Zugang. Ich hab kein Projekt." Im November will sie zu einer Trekkingtour nach Bhutan aufbrechen – nichts Spektakuläres. Sie will keine Rekorde mehr brechen und weiß natürlich auch, dass der Körper die Jagd nach Höchstleistungen im Hochgebirge nicht ewig mitmacht.

Erstaunlicherweise halten die Sponsoren der Alpinistin, die sich dem Wettkampf entzieht, die Treue. Vergangene Woche hat sie für einen Ausrüster die neuen Frauenrucksäcke getestet, in wenigen Tagen steht sie einem anderen für Aufnahmen der neuen Kletterschuhe zur Verfügung. Und sie hält Vorträge, ab 3.000 Euro kann man sie buchen: Leidenschaft 8000 – Tiefe überall. Oder für die englischsprachige Welt: K2 – Danger and Desire on the Savage Mountain.

Länger als alle anderen Sponsoren arbeitet die oberösterreichische VKB-Bank mit Kaltenbrunner zusammen. Der Vorstandsvorsitzende Christoph Wurm sieht in ihr nicht nur eine Geschäftspartnerin. Er nimmt an der 24-Stunden-Wanderung teil, setzt einen Filzhut auf und lässt sich durch den Regen nicht verdrießen. "Gerlinde ist in ganz Oberösterreich bekannt und beliebt", sagt er. Dass sie keine neuen Rekorde ankündigt, stört ihn nicht. "Wir haben das Thema der Vorträge geändert. Sie spricht jetzt nicht mehr so sehr über die hohen Berge, sondern über Themen wie Ausdauer und Teamgeist."

Mit fünf Geschwistern wuchs Gerlinde Kaltenbrunner in Spital am Pyhrn auf. Schon als Kind nahm der Gemeindepfarrer sie auf Bergtouren mit. Sie besuchte die Skihauptschule und machte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Gegen die Bedenken von Angehörigen und Freunden verließ sie aber die finanzielle Sicherheit des bürgerlichen Lebens, 2003 wurde sie professionelle Bergsteigerin.