Die Welt des Alpinismus hat zwei Pole. Den einen markiert Reinhold Messner, der sich medienwirksam als höchste Instanz des Bergsteigens aufspielt. In größtmöglicher Entfernung zu ihm steht Kaltenbrunner. Sie tritt leise und bescheiden auf. Karl Gabl, der langjährige Leiter der Zentralanstalt für Meteorologie, der Kaltenbrunners Expeditionen mit Wettervorhersagen unterstützt hat, sagt über sie: "Im Laufe der Jahre hat sie viele Erfolge gefeiert, aber ihre Liebenswürdigkeit behalten."

Die 24-Stunden-Wanderer erleben die Heldin vom Himalaya als einen zugänglichen Menschen. Nach ein paar Stunden im Regen machen alle Pause. Drängen sich um die Tische einer Hütte, wärmen sich bei Suppe und Tee, und das Tote Gebirge wird zum Karakorum. Ein älterer Mann fragt: "Gerlinde, hättest du den K2 mit deiner Diät auch geschafft?" Sie antwortet: "Ja freilich, da hab ich mich schon vegan ernährt." Kaltenbrunner erzählt vom Heißhunger, der auf dem Gipfel über sie kam, als die Anspannung abfiel. "Beim Abstieg hab ich mir vorgestellt, was ich im Basislager essen werde." Eine Frau wirft ein: "Eine Leberkassemmel!" Kaltenbrunner antwortet gutmütig: "Das nicht – ich hab mich so auf was Frisches gefreut. Es gab Wassermelonen – aber ich weiß nicht mehr, ob ich noch einen Schnitz essen konnte oder ob ich gleich vor Erschöpfung eingeschlafen bin."

Später sagt sie, das sei eines ihrer nächsten Ziele: eine Ausbildung zur veganen Ernährungsberaterin zu machen. Zu den dogmatischen Veganern gehört sie aber nicht – die Fleischbrühe in der Hütte löffelt sie, als ob es reine Gemüsesuppe wäre.

Auf ihren Expeditionen zu den Achttausendern verliebte sich Gerlinde Kaltenbrunner in den deutschen Bergsteiger Ralf Dujmovits. Am 8.516 Meter hohen Lhotse machte er ihr einen Antrag. 2007 heirateten die beiden, sie zog zu ihm in den Schwarzwald, in den Medien wurden sie als "das berühmteste Bergsteigerpaar der Welt" gefeiert. Doch die Liebe hielt nicht. "Für Außenstehende waren wir das Traumpaar – aber es gab auch Schattenseiten", sagt Kaltenbrunner ohne Groll. "Das Leben ist zu schön, um an einer Partnerschaft festzuhalten, die nicht mehr funktioniert. Bevor man dahinhadert, hab ich mich getrennt."

Sie nahm in Kauf, dass auch die Vermarktungsmöglichkeiten als Paar zu Ende waren. Sie wollte weg aus dem Schwarzwald und suchte ein neues Basislager. Bei der Meditation, ihrem Ritual an jedem Morgen, kam ihr eine Idee: Das Wasser tut ihr gut, sie möchte wieder in die Heimat – so zog sie an den Attersee.

Auch in der Zivilisation ist Kaltenbrunner mit leichtem Gepäck unterwegs. Den Kleinbus, den sie bei Bergtouren in den Alpen als Wohnmobil benutzt, empfindet sie als Luxus. Nach der Rückkehr von ihrer ersten Expedition stand sie vor ihrem Kleiderschrank und fragte sich: "Was hab ich da alles?" Dann hat sie aussortiert. Das liebt sie am Bergsteigen: "Man reduziert sich auf das Wesentliche."

Einen Plan B hat Kaltenbrunner nicht. Das Bedürfnis nach materieller Absicherung scheint bei ihr wenig ausgeprägt. Die Berge sind ihre Leidenschaft, und sie ist dankbar, dass sie vom Alpinismus leben kann. Kaltenbrunner hat keine Bergführerprüfung abgelegt, kann also nicht Touristen ins Gebirge führen, diese Einnahmequelle fällt weg. Sie sagt: "Irgendeine Arbeit wird sich für mich immer finden – da mache ich mir keine Sorgen."

Wieder als Krankenschwester in einem österreichischen Spital zu arbeiten, das kann sie sich nicht vorstellen. "Aber in der Entwicklungshilfe gibt es genug Aufgaben, wo’s mich brauchen könnten." Dann erzählt sie vom Anmarsch zum Nanga Parbat, als sie in einem pakistanischen Dorf auf eine schwangere Frau stieß, der es nicht gut ging. Sie legte der Patientin eine Infusion, bevor die Expeditionsmannschaft weiterzog. Am Abend kam ein Junge ins Lager, brachte ihr sechs Eier und eine Thermoskanne Tee: Diese Geste habe sie tief berührt.

Die 24-Stunden-Wanderer in Oberösterreich haben weniger Glück: Kaltenbrunners Wetterprognose erfüllt sich nicht. Am Abend regnet es noch immer. Erstaunte Kommentare sind zu hören, dass die prominente Alpinistin nicht nach zwei Stunden ausgestiegen ist. Sie geht den Marsch über 67 Kilometer bis zum Ende mit, ohne Honorar, das dunkle Haar hängt ihr in nassen Strähnen in die Stirn. Aufgeweicht und schweigend zieht die Kolonne durch die Nacht, hundert Stirnlampen funzeln im Toten Gebirge.

Irgendwann spricht Gerlinde Kaltenbrunner über ihre nächsten Ziele. Sie möchte auf den Gasherbrum IV in Pakistan. Das ist nur der siebzehnthöchste Gipfel der Erde, seine Besteigung verspricht keinen Ruhm. Aber es sei ein wunderschöner Berg, deshalb reizt er sie. Sie will nicht das ganze Leben der sportlichen Leistung unterordnen. Und dann sagt sie noch einen Satz, den man für ein Zitat aus einem kitschigen Heimatfilm halten könnte. Aber die Bergsteigerin sagt ihn ernsthaft und ohne Pathos: "Ich will gesund und glücklich alt werden."