Eines muss Birgit Kochen-Schmidt-Eych gleich zu Beginn loswerden: Man dürfe sie "Kochen wie Backen" nennen, und sie habe die Arbeit der Handelskammer schon immer sehr geschätzt. Kochen, das muss man wissen, ist derzeit Vize-Präses der Kammer. "Die Bedeutung der Handelskammer kommt in dieser ganzen Diskussion zu kurz", sagt Kochen. Deshalb hat sie an diesem Tag in ihre Firma in der Poststraße geladen. Sie will von einem Bündnis erzählen, das sie mit vier weiteren Unternehmern gegründet hat. Titel: Vorfahrt für Hamburg. Es kämpft für eine Handelskammer, die "ein wichtiger Akteur in der Stadt" sein soll.

Man darf dieses kleine Treffen bei Kaffee und Colorado-Mischung nicht unterschätzen. Schon gar nicht bei einer Institution wie der Handelskammer. Denn bei "dieser ganzen Diskussion" geht es um nicht weniger als das Selbstverständnis einer der mächtigsten Kammern Deutschlands – und um ihre künftige Ausrichtung.

Im Januar und Februar wird das Kammer-Plenum neu gewählt, es gilt als Parlament der Wirtschaft. Seit dort eine Gruppe kammerkritischer Unternehmer eingezogen ist, geht es um grundlegende Fragen: Wann soll die Handelskammer sich in die Politik einmischen? Wie transparent muss sie sein? Was darf ihr Chef verdienen?

Die kommende Wahl wird entscheiden, ob die "Rebellen" mit ihren Fragen die Hamburger Unternehmer hinter sich haben. In jedem Fall wird bereits der Wahlkampf interessant: Erstmals schmieden Unternehmer, ähnlich den Parteien, Bündnisse. Wie Birgit Kochen. Oder der Medienunternehmer Robin Houcken, der seit Kurzem unter dem Motto #UnternehmerFürHamburg für seine Ziele wirbt (siehe Kasten).

Mitten in diesem Wahlkampfauftakt hat das Hamburger Verwaltungsgericht nun ein Urteil gefällt, das einen Grundsatzstreit zwischen diesen Bündnissen, Reformern und Etablierten widerspiegelt: Was dürfen die obersten Vertreter einer Handelskammer sagen und was nicht?

Es ist eine Frage, die Gerichte in ganz Deutschland beschäftigt. In Hamburg allerdings geht es um mehr. Um ein urhanseatisches Ritual: die Rede bei der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns. Immer zu Silvester liest der Präses der Hamburger Handelskammer Fritz Horst Melsheimer vor einer vierstelligen Gästezahl dem "sehr geehrten Herr[n] Bürgermeister" die Leviten. Beim letzten Mal ging es um verpasste Chancen bei der Olympiabewerbung, die Integration von Flüchtlingen und um Radfahrer, die nicht auf die Hauptstraßen gehören. Die Politiker müssen schweigen, so ist es Brauch.

So lief es, bis ein Hamburger Unternehmer, Kammerkritiker, Radfahrer und Olympiagegner die Kammer deswegen verklagt hat.

Die Richter haben die Rede nun ordentlich auseinandergenommen, bis hin zur Grammatik: "Je mehr direkte Demokratie, desto unregierbarer das Land", hatte Melsheimer Helmut Schmidt zitiert. Unregierbar sei nicht steigerungsfähig, monierte das Gericht – und Melsheimers grundsätzliche Kritik an der direkten Demokratie (und auch andere Aussagen) rechtswidrig.