Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Das reicht nicht", höre ich im Vorübergehen. Ein Junge, acht, neun Jahre vielleicht, hält seine Hand auf, darin Kleingeld, das eine Bahnhofsbedienstete eben gezählt und mit dem Automatendisplay verglichen hat. Ich bitte, helfen zu dürfen, werfe Hartgeld ein, der Junge will mir sein Kleingeld geben, das werde er wohl für die Rückfahrt brauchen, sage ich und will weiter. Wie unlogisch, denke ich nun: Wie soll es für die Rückfahrt reichen, wenn es für die Hinfahrt nicht gereicht hat? Also drehe ich mich noch einmal zu ihm um und drücke ihm fünf Euro in die Hand: "Für die Wegzehrung, wo soll es denn hingehen?" – "Nach Berlin."

Ich könnte jetzt unbekümmert weitergehen, aber es gibt so viele merkwürdige Zeichen: Er ist nicht gekämmt, trägt Hausschuhe und etwas Schlafanzugähnliches, sein Rad, das er mit in den Zug nehmen will, scheint mir nicht fahrtüchtig. Wo kommt der jetzt her, wo will er hin? Das geht dich nichts an, sage ich mir energisch und steige weit vorn in den Zug. Aber schon bald hat er sich zu mir durchgequetscht, mit dem Rad durch Passagiere und Waggonbrücken. Ich hab ihm weitergeholfen, nun sucht er Anschluss. Er erklärt mir die Defekte seines Rades, als spräche er von den Eigenheiten eines nahen Angehörigen, die man akzeptieren muss. So spricht Columbo von seinem Auto, denke ich, vielleicht folgt auch dieses Bürschchen seiner Intuition wie jener zerstreute Kommissar. Darf ein neunjähriges Kind seiner spontanen Eingebung folgen und mal eben allein in die große Stadt fahren? "Zu wem fährst du denn?", frage ich in der Hoffnung auf die Nachricht vom Frühstück bei der Großmama. Aber er zuckt die Schultern: "Nach Berlin", sagt er wieder, "will mir die Stadt ansehen."

Nach dem Ort und den Umständen seines Aufbruchs will ich gar nicht fragen, aber die Suggestionen sind unabweisbar: die betrunkene Mutter, das Chaos, dem er an diesem reinen, frischen Morgen entkommen ist in seinen Sonntagsausflug, der ihm wer weiß wie oft schon versprochen wurde. – Und der, wer weiß wie oft schon, vor dem Fahrkartenautomaten sein Ende gefunden hat. Weiter wäre er auch heute nicht gekommen, wenn ich nicht eingegriffen hätte. Ich hab sein Ticket bezahlt, bin ich nun zuständig für den Ausreißer? Was hab ich da angerichtet mit meiner dämlichen Hilfsbereitschaft? Und was soll ich jetzt tun? Mich wieder vor ihm verstecken? Ich seufze, hocke mich vor sein Rad: "Das kann man alles reparieren, aber jetzt frühstücken wir erst mal in der großen Stadt. Und dann bring ich dich nach Hause." Wer A sagt … Ich wette, in der Bibel steht ein tröstlicher Satz für solche Fälle von Dämlichkeit: der Einmischung fremder Leute in fremder Leute Angelegenheiten.