"Get your hands off my woman!", röhrt der Sänger ins Mikrofon: "And none of that yaggedy yag!" Etwas abseits von ihm wartet Hubert Fichte, dunkles Hemd, Krawatte, Lederjacke, Vollbart. Fichte ist nervös. Es ist der 2. Oktober 1966, der Star-Club auf St. Pauli ist voll, die Beatband Ian & The Zodiacs aus Liverpool und ein belgischer Folksänger treten im Wechsel auf – dazwischen liest der 31 Jahre alte Autor Hubert Fichte aus seinem noch unveröffentlichten zweiten Roman Die Palette. Es ist die Geschichte des schwulen Flaneurs Jäcki, der in einer Absturzkneipe namens Palette in der Hamburger Neustadt ein und aus geht, beobachtet, staunt, Szenen und Sätze sammelt.

"Da fängt Ian schon mit meiner Auftrittsmusik an: Jäcki dee Jack!", wird Fichte später über den Abend im Star-Club notieren. "Ich steh draußen und hab nur die Wörter an, ich bins für alle sichtbar und auf Magnetofonband und Pelliküle und wenn meine Wörter versagen, dann schneidet der Hessische Rundfunk das mit und die Wochenschau hat es als Dokument und ich stürz ab mit meinen Wörtern über das, was ich erlebt habe."

Fichte wird nicht abstürzen, im Gegenteil: Der Abend im Star-Club, der sich nun zum 50. Mal jährt, wird ein "großer Moment der Popkultur". So schreiben es die Kuratoren vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin, die eine Jubiläumsfeier für den Hamburger Autor ausrichten. Am Sonntag wollen sie im Golem, dem Club am Fischmarkt, an Fichte erinnern: Zuerst in einer Diskussion mit Zeitzeugen, dann mit einer Lesung, die den Star-Club-Abend nachstellt. Als "Reenactment" bezeichnen die Veranstalter das – also genau so, wie sonst die Nachstellungen historischer Schlachten und anderer epochaler Ereignisse genannt werden.

Hubert Fichte, die Palette, die Star-Club-Lesung: Warum war das wichtig? Gar nicht so sehr, weil es in der BRD provokant war, einen Literaten zusammen mit Beatbands auf die Bühne zu stellen. Sondern weil Hubert Fichte der erste Schriftsteller war, der sich mit Haut und Haaren in eine Welt hineindachte, hineinfühlte und hineinschrieb, die in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit bis dato nicht existent war. Wie ein Reporter berichtete Hubert Fichte aus fremden Welten. Was in der Palette abging, würde man heute "Underground" oder "Subkultur" nennen – damals galt das Kellerlokal als Spelunke für "Gammler".

"Ihr lungert herum in Parks und in Gassen / Wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? / Wir! Wir! Wir!", sang Freddy Quinn in seinem berüchtigten Anti-Studenten-Schlager Wir von 1966. Für Hubert Fichte jedoch, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, der zeitweilig im Waisenhaus aufwuchs, war der "Gammlertreff" Palette das "Nonplusultra des Pluralismus" – ein Ort, an dem Obdachlose auf Künstler trafen, Transvestiten auf Studenten, Säufer auf Intellektuelle und miteinander oder aneinander vorbeitranken, -redeten, -feierten. "Niemand wird bei mir eingreifen und käme ich im Taucheranzug oder im Abendkleid", sagt Fichtes Protagonist Jäcki.

Gleichzeitig erzählt Die Palette vom Vorabend der 68er-Revolte in Hamburg. Davon, wie das Lokal zum Sammelbecken jener wurde, die gegen den Lebensstil im Nachkriegsdeutschland rebellierten – darunter der verstoßene Reedersohn Herbert Schuldt, der verstörende Sprachcollagen schrieb und aufnahm, der Filmemacher Harun Farocki, der in Fichtes Roman als "der schiefe Inder" durch die Palette stolpert, oder der Künstler Natias Neutert. Revolutionär waren in den Augen des schwulen Autors Hubert Fichte nicht die, die nach 68 Marx, Lenin und Mao studierten und sich in Kaderparteien organisierten, revolutionär waren Figuren wie die schwarzhaarige Transvestitin Cartacala, die nachts in der Palette im engen Kleid und mit wilder Mähne die Gäste umtanzte und wilde Verfluchungen ausstieß.

2. Oktober 1966: Hubert Fichte liest im Star-Club. © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

Der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen nannte Hubert Fichte einen "großen Hamburger Heimatschriftsteller", der Theatermacher und Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun brachte Die Palette schon vor anderthalb Jahrzehnten auf die Bühne des Schauspielhauses, Tocotronic widmeten Fichte 2007 ihren Song Imitationen, und der in Hamburg geborene Schriftsteller Thomas Meinecke stellt sich mit seinem jüngsten Roman Lookalikes in die Tradition Fichtes.

Dass Fichtes Werk auch 50 Jahre nach seinem Star-Club-Auftritt noch so inspirierend ist, liegt wohl daran, dass kaum ein deutscher Schriftsteller die sogenannten Subkulturen, die er beschrieb, so ernst nahm wie Fichte. Für ihn waren Lokale wie die Palette, die Sex-Varietés, in denen er ausführliche Interviews mit Strichern und Prostituierten führte, und die Keller der Lederschwulen auf St. Pauli existenzielle Orte, an denen Menschen sich verwandeln konnten. Die Texte und Interviews, die wir auf dieser Seite auszugsweise dokumentieren, veranschaulichen das.

Die Nähe zum Anderen, Verdrängten der Gesellschaft, das ist der Bruch, den Fichte gewagt hat und der seine Werke bis heute faszinierend macht. Mit seinem furiosen Ernst ist der Autor, der 1986 starb, der Gegenspieler jenes Lifestyle-Jargons, der das Reden und Schreiben über Subkulturen seit den Achtzigern begleitet. Deshalb ist Fichte wichtig. Mehr denn je.

"Reenacting Hubert Fichte", am 2. Oktober im Golem (Große Elbstraße 14), 17 Uhr Gespräch, 21 Uhr Lesung. Ab 19. November wird Fichtes "Versuch über die Pubertät" im Schauspielhaus gezeigt (Regie: Sebastian Kreyer)