Als Abu Khalaf dem "Islamischen Staat" (IS) vor zwei Jahren die Treue schwor, waren die Zeiten noch andere. Der IS hatte ein Gebiet von der Größe Englands erobert und gerade das "Kalifat" ausgerufen, für Abu Khalaf klang das wie eine Verheißung. Mit einem Mal verfügte der IS über enorme Ressourcen, er konnte Steuern erheben und mit Öl handeln. Der Zulauf war groß. Abu Khalaf erinnert sich: Wenn der IS Rekruten gesucht habe, seien die bärtigen Männer im Pick-up nächtens von Syrien aus über die jordanische Grenze gefahren, "sie luden das Auto voll mit Freiwilligen, so lief das".

Doch in den vergangenen Monaten sind die Dschihadisten zurückgedrängt worden. Im Irak hat der IS mittlerweile 50 Prozent seiner Gebiete verloren, in Syrien 20 Prozent. Viele Anführer sind durch Luftangriffe und Drohnenschläge der internationalen Anti-IS-Koalition getötet worden. Und nun steht dem IS womöglich eine Entscheidungsschlacht bevor. Die irakische Armee und mit ihr verbündete schiitische Milizen, US-Spezialkräfte und kurdische Kämpfer stehen nur noch wenige Dutzend Kilometer vor Mossul, der Hauptstadt des IS. Im Oktober könnte der Sturm auf die Metropole beginnen.

Der Fall Mossuls hätte enorme Bedeutung. Aber wäre er auch gleichbedeutend mit dem Ende der Terrorgruppe?

Nicht nur die Gegner des IS schmieden Pläne, auch der IS tut es. Um etwas darüber herauszufinden, hilft es, mit Männern wie Abu Khalaf zu sprechen, dessen Drähte bis ins Kalifat reichen. Der IS verfügt vermutlich noch über rund 25.000 Kämpfer, etwa 7000 von ihnen kommen aus Europa, die meisten jedoch aus arabischen Ländern, aus Tunesien, Ägypten, Saudi-Arabien – und nicht zuletzt aus Jordanien. Leider habe der jordanische Geheimdienst seine Ohren überall, klagt Abu Khalaf, der eigentlich anders heißt. Deswegen darf auch sein Aussehen nicht genauer beschrieben und weder sein Beruf noch der genaue Ort des Treffens genannt werden. Das ist der Preis für die Verabredung.

Abu Khalaf ist ein freundlicher Mann. Zuvorkommend dreht er die Klimaanlage auf, lässt Tee und Kaffee kommen, kaum dass der Reporter sitzt. "Was wollen Sie wissen?"

Warum sind Sie nicht in Syrien oder im Irak, um für den IS zu kämpfen, Abu Khalaf?

"Ich bin etwas zu alt. Es ist auch nicht mehr leicht, rüberzukommen, die Grenzen sind dicht. Ich sehe mich als Unterstützer. Der IS weiß, wer und wo ich bin."

Könnte der Fall Mossuls dem IS den Todesstoß versetzen?

Abu Khalaf überlegt. "Es würde eng", sagt er schließlich. "Aber die Kämpfer werden eher sterben als aufgeben. Am Ende, davon bin ich überzeugt, wird der IS triumphieren."

Das klingt wie aus der Propagandaabteilung des IS!

"Sie dürfen nicht vergessen", entgegnet Abu Khalaf, "dass die meisten Kämpfer nirgendwo anders hinkönnen. Ihre Pässe sind verbrannt."

Sie sterben also oder bleiben im Irak oder in Syrien?

"Bis auf diejenigen, die der IS nach Libyen und auf den Sinai entsandt hat, um dort Infrastrukturen aufzubauen. Die anderen ja, die werden sterben oder nach der Schlacht in den Untergrund gehen. Es gibt genügend Rückzugsräume im Irak und in Syrien, um dem IS das Überleben und die Rückkehr zu ermöglichen."

Die Rückkehr?

"Aber sicher!"