Es war eine Art gemeinsame Presseschau, als sich die Führungskräfte der JVA Fuhlsbüttel am vergangenen Donnerstag zur internen Krisensitzung trafen, zumindest zu Beginn. Rund zweieinhalb Stunden saßen die etwa 25 Beamten zusammen. Vor der Aussprache ging es um den öffentlichen Wirbel: Was haben die Medien berichtet über die Lage in Hamburgs berühmtestem Gefängnis Santa Fu? Und wie wollen wir damit umgehen?

Einig waren sich die Teilnehmer bei der Analyse: Ja, was Justizvollzugsbeamte in der ZEIT und in einem Brandbrief an die Justizbehörde an Missständen beschrieben hatten, lässt sich kaum bestreiten. Es fehlen Mitarbeiter. Anwärter, also Auszubildende, müssen zu früh zu viel Verantwortung übernehmen. Und die Aggressionen unter den Häftlingen nehmen zu, weil sich die Bediensteten nicht mehr adäquat um sie kümmern können.

Aber gibt es deshalb ein Sicherheitsproblem? Manche sagten: Ja, wenn es so weitergehe, dauere es nicht mehr lange bis zum Kollaps, bis zur Revolte wie 1990. Denn was sollte es anderes sein als ein Risiko, wenn sich Häftlinge frei zwischen Stationen bewegen könnten und zumindest einige Beamte das Gefühl hätten, die Kontrolle zu verlieren? Von der Resozialisierung gar nicht zu sprechen. Andere entgegneten: Nein, man habe die Lage im Griff. Das habe sich zuletzt gezeigt, als eine Geiselnahme in der Anstalt befürchtet werden musste. Ein Fehlalarm, aber auch eine Ausnahmesituation, die vorbildlich bewältigt worden sei.

Klar wurde auch: Mit der Frage nach Sicherheitsmängeln ist es nicht getan. Die Probleme gehen tiefer. Um das aufzuarbeiten, setzte die Opposition die Gefängniskrise in der Bürgerschaft an die erste Stelle der aktuellen Stunde (einen Bericht dazu finden Sie auf ZEIT ONLINE). Zudem kündigte CDU-Justizexperte Richard Seelmaecker an, eine Selbstbefassung des Justizausschusses mit Fuhlsbüttel zu beantragen.

Auch Justizsenator Till Steffen (Grüne) reagierte auf die Kritik seiner Bediensteten: In Gesprächen sei noch einmal klar geworden, dass sich die Mitarbeiter "weit über das erwartbare Maß hinaus" engagierten. Für die knapp 1.000 Mitarbeiter im allgemeinen Justizvollzug solle deshalb mit 3.000 Überstunden monatlich ein "relevanter Anteil der anfallenden Mehrstunden bis Jahresende ausbezahlt werden".

Was die Krisensitzung zudem offengelegt hat: Viele Mitarbeiter sehen zusätzlich zum Personalproblem auch ein Führungsproblem in ihrer Anstalt. Seit Ende August muss die stellvertretende Leiterin Christina Schermaul das Gefängnis alleine leiten. Steffen hatte den ehemaligen Anstaltsleiter Lars Röhrig abberufen, nachdem ein Sicherungsverwahrter frühzeitig aus der Anstalt entlassen werden musste. Schuld sei die Gefängnisleitung gewesen, so ein Bericht der Justizbehörde. Das Vakuum an der Spitze werde zum Problem, kritisierten nun einige Beamte. Man brauche dringend einen neuen Chef.

Auch hier hat Justizsenator Steffen reagiert. Wolfgang Reichel, zurzeit Richter am Oberlandesgericht, übernimmt ab November. Die Personalie ist interessant: Zu Beginn seiner Laufbahn war der 49-Jährige Parlamentsreferent des ehemaligen Justizsenators Roger Kusch, eines Hardliners des Strafvollzugs.

Ist Reichel eine gute Wahl?

Fragt man den Gefängnisexperten Bernd Maelicke, was einen Anstaltsleiter ausmache, muss das Urteil gemischt ausfallen. Laut Maelicke braucht ein Gefängnis wie Fuhlsbüttel dringend "eine anerkannte Führungsfigur". Da wäre Reichel gut geeignet, er gilt als Mann der klaren Führung. Nur, so Maelicke: Im Gegensatz zu Niedersachsen oder Schleswig-Holstein mangele es in Hamburg "an einer nachhaltigen Planung und interdisziplinären Personalentwicklung für die Führungskräfte in den Anstalten".

Andernorts werde "systematisch geschult und erprobt – vom Vollzugsleiter über die stellvertretende Anstaltsleitung bis zur Leitungsposition". Das sei ein Weg über Jahre, den sich Hamburg durch Quereinsteiger leider immer wieder erspare. Dabei brauche gerade eine "komplexe Anstalt wie Fuhlsbüttel" einen "erfahrenen Vollzugsmanager – und keinen noch so guten Richter oder Staatsanwalt auf Zeit". Nun ist Reichel aber genau das: ein Richter ohne große Gefängniserfahrung.

Ohnehin ist die Frage, ob es mit einem neuen Leiter und einigen neuen Stellen ab Oktober getan ist. Reichel fängt bereits am 1. November an. Bei der geringen Vorbereitungszeit sei die Aufgabe "eine Herausforderung", so formuliert es FDP-Justizsprecherin Anna von Treuenfels-Frowein vorsichtig. Zumal Reichel ja weiterhin zu wenig Personal habe.

Um die Lücke zu schließen, wünsche sie sich, dass "ein Justizsenator in solchen Situationen auch mal unkonventionelle Lösungen findet", sagt die FDP-Politikerin. So könne man zum Beispiel die Justizwachtmeister, die bislang nicht selbst eine Station überwachen dürfen, stärker einbinden oder Pensionäre reaktivieren. "Man kann immer, wenn man denn will", sagt die 54-Jährige. Offenbar wolle der Senator aber nicht wirklich.