Der promovierte Althistoriker Karl Dietrich Bracher aus Stuttgart legte 1955 eine Habilitationsschrift vor, die noch heute zu den bedeutendsten zeitgeschichtlichen Werken des 20. Jahrhunderts gehört: Die Auflösung der Weimarer Republik analysierte paradigmatisch den Machtverfall der ersten deutschen Demokratie.

Die Habilitation, eingereicht als politikwissenschaftliche Arbeit an der Freien Universität Berlin, begründete Brachers Ruhm, war aber anfangs umstritten. Traditionell eingestellte Historiker wie Werner Conze vertraten die Ansicht, die Schwäche Weimars habe in der Krise des Parteienstaates ihre Ursache gehabt. Die Endphase der Republik mit den Präsidialkabinetten unter Heinrich Brüning betrachtete Conze als "letzten Rettungsversuch", der über Weimar hinaus-, aber nicht auf Hitler gewiesen habe. Bracher hielt strukturanalytisch dagegen, dass die Weimarer Demokratie an ihrer halbherzigen Durchsetzung und den Rückständen des wilhelminischen Obrigkeitsstaates zerbrach. Brüning ist in diesem Drama der letzte Akt; eine kritische Deutung, die sich weitgehend durchgesetzt hat.

Später legte Bracher grundlegende Schriften zur Geschichte des Nationalsozialismus vor, zusammen mit Wolfgang Sauer und Gerhard Schulz etwa die monumentale Untersuchung über Die nationalsozialistische Machtergreifung und die lange Zeit als Standardwerk geltende Studie Die deutsche Diktatur. In der Nachfolge von Hannah Arendt und Carl J. Friedrich wurde er zu einem der international maßgeblichen Vertreter der Totalitarismustheorie, die die Wesensähnlichkeit faschistischer, nationalsozialistischer und kommunistischer Diktaturen betonte.

Bracher sah im Begriff des Totalitarismus ein unentbehrliches Instrument, um trennscharf zwischen Diktatur und Demokratie zu unterscheiden. An dieser Sicht hielt er auch fest, als die Totalitarismustheorie seit den siebziger Jahren zunehmend in die Kritik geriet. Problematisch erschien ihm demgegenüber ein wissenschaftlich begründeter allgemeiner Gattungsbegriff des "Faschismus", wie ihn Ernst Nolte 1963 zu etablieren versuchte.

Auch organisatorisch gehörte Bracher zu den Nestoren der zeithistorisch orientierten deutschen Politikwissenschaft, die er nach dem Krieg zunächst in Berlin, seit 1959 in Bonn systematisch mit aufbaute. Gastprofessuren führten ihn in die USA, nach Großbritannien, Israel und Japan. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen sowie Ehrendoktorwürden und war Mitglied renommierter Forschungseinrichtungen und Akademien.

Durch seine Heirat war Bracher familiär mit Angehörigen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus verbunden. Den Männern und Frauen des 20. Juli 1944 bewahrte er zeitlebens ein ehrendes Andenken. Davon zeugen die 64 Lebensbilder von Widerstandskämpfern, die er 1954 unter dem Titel Das Gewissen steht auf mitherausgegeben hat.

Das deutsche Jahrhundertthema, Demokratie und ihr Machtverfall, nationalsozialistische Diktatur und demokratischer Wiederaufbau nach 1945, blieb das Lebensthema für Karl Dietrich Bracher. Durch sein herausragendes, international beachtetes Werk trug er zur Rehabilitation der deutschen Geschichts- und Politikwissenschaft maßgeblich bei.

In den letzten Jahren war es still geworden um den emeritierten Ordinarius. Von seinen zahlreichen Ämtern und Verpflichtungen, darunter auch die Herausgeberschaft der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, hatte er sich mehr und mehr zurückgezogen. Am 19. September ist Bracher in Bonn im Alter von 94 Jahren gestorben. Die deutsche Zeitgeschichtsforschung verliert einen ihrer bedeutendsten Vertreter.