Hände hoch – und los geht’s: Lilly, zehn Jahre, schlägt Rad, neben ihr ihre Freundin Hanna. Genau gleichzeitig wirbeln sie durch die Luft, ein-, zwei-, drei-, viermal, dann wirft Lilly sich auf den Boden. "Mir ist schwindelig!", ruft sie.

Der Sportplatz, auf dem die beiden toben, gehört zur Arche, einem Zentrum für Kinder im Hamburger Stadtteil Jenfeld. Mädchen und Jungen zwischen 4 und 13 Jahren können hier ihre Nachmittage verbringen. Es gibt Platz zum Spielen, Material zum Basteln, Hilfe bei den Hausaufgaben, ein warmes Mittagessen und, wenn die Kinder wollen, dreimal im Monat ein Kleidungsstück aus der Kleiderkammer. Bezahlen müssen sie dafür nichts. Die Arche springt ein, wenn Kinder zu Hause nicht alles bekommen können, was andere Kinder ganz selbstverständlich kriegen – häufig ist das der Fall, wenn sie aus einer "armen" Familie kommen.

Zwischen 80 und 100 Kinder besuchen das Zentrum jeden Tag. Auch an vielen anderen Orten in Deutschland gibt es solche Hilfseinrichtungen, manche werden von einem Verein betrieben, andere von der Stadt oder der Kirche.

Sie alle sind da für die fast zwei Millionen Kinder, die nach der Statistik als arm gelten, fast jedes siebte Kind in Deutschland ist davon betroffen. "Nach der Statistik" bedeutet, dass man auf diese Zahl gekommen ist, indem man die Kinder und Jugendlichen zusammengerechnet hat, deren Familien vom Staat mit einem bestimmten Geldbetrag, der "Grundsicherung", unterstützt werden. Diese Kinder vereint, dass sie wenig Geld haben – wie unterschiedlich sie ansonsten sind und wie es ihnen geht, erzählt die Statistik nicht.

Lilly, deren Namen wir geändert haben, gehört zu einer der Familien, die diese Grundsicherung erhalten. Sie kommt schon seit ein paar Jahren zur Arche, vor allem, so erzählt sie, weil hier ihre Freunde sind. Fast jeden Tag nach der Schule bringt Lilly nur schnell ihren Ranzen nach Hause und läuft rüber ins Kinderzentrum – sie wohnt ganz in der Nähe. Oft isst sie dort mit den anderen Kindern, am liebsten Hühnerfrikassee oder Burger, und danach geht es raus zum Spielen.

Ihre Mutter, das erzählt Lilly, hat oft keine Zeit, ihr etwas zu kochen, weil sie sich um ihre kleine, 15 Monate alte Halbschwester kümmern muss. Trotzdem mag Lilly ihre Schwester natürlich, morgens macht sie ihr manchmal eine Flasche, wenn die Mutter noch schläft.

Dass Kinder nicht in der Schule essen und auch zu Hause keine Mahlzeit bekommen, hat Tobias Lucht, der das Kinderzentrum leitet, schon oft erlebt. Manche Eltern haben zu wenig Geld, um etwas Gesundes zu kochen, manche haben Probleme, um die sie sich kümmern müssen. Lucht erzählt, dass die Arche jetzt sogar zweimal in der Woche ein Abendbrot anbietet, weil immer wieder Kinder zu ihm gekommen sind, die gefragt haben, ob noch etwas vom Mittagessen übrig sei, und die berichteten, dass es daheim nichts zu essen gebe.

Die Arche hat aber nicht nur einen großen Speiseraum, sondern auch ein Zimmer, in dem Schreibtische stehen, fast sieht es darin aus wie in einer Schule. Hier betreuen ehrenamtliche Helfer Kinder bei den Hausaufgaben, wenn die das wollen. Die Schüler, die regelmäßig kommen, haben manchmal weder ein eigenes Zimmer zu Hause noch einen anderen ruhigen Ort, an dem sie Hausaufgaben machen könnten. Oft fehlt auch jemand, dem sie zwischendurch mal eine Frage stellen können, wenn sie etwas nicht verstehen.

Bei Lilly ist das anders. Sie wohnt mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater, ihrem Bruder und der kleinen Schwester zusammen, eine Katze gehört auch noch zum Haushalt. Ihr Zimmer teilt sie sich zwar mit der Schwester, doch sie hat einen Schreibtisch, an dem sie meistens abends ihre Hausaufgaben macht. Lilly geht in die vierte Klasse, ihr Lieblingsfach ist Kunst. Und wenn sie groß ist, will sie Polizistin werden. Warum? "Weil Polizisten viel Geld verdienen, gut in Sport sein müssen und sich gut wehren können!"