Der Kirchentag schließt niemanden aus, es werden nur nicht alle eingeladen. So läuft das bei den Protestanten: Ein "Du bist nicht willkommen" bringen sie nicht über die Lippen. Das könnte falsch rüberkommen, irgendwie nach Ausgrenzung klingen, nach Obergrenze gar. Der Kirchentag ist offen für alle, jeder ist eingeladen – aber manche sind halt doch unerwünscht.

Die AfD beispielsweise. Die Partei ist für den Kirchentag, was der unangenehme Onkel für jede Familienfeier ist: Spätestens nach dem dritten Glas Wein fängt er an, abfällig über Ausländer zu reden, und überhaupt der Islam! Niemand mag ihn, aber er gehört halt zur Familie. Und was wäre das für eine Familie, die ihren Onkel auslädt? Ach, wenn er doch einfach mal was anderes vorhätte!

In Zeiten wuchernden Rechtspopulismus sah sich das Präsidium des Kirchentags jetzt dennoch – bei aller Offenheit – genötigt, festzulegen, wer nicht eingeladen werden wird. Das Statement in Kürze: Wer sich rassistisch äußert oder "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit verbreitet", bekommt keine Bühne. Referentinnen und Referenten werden nach Kompetenz angefragt, nicht aufgrund ihres Parteibuches.

Namentlich genannt wird die AfD nicht, obwohl sie der Anlass für das Statement ist. Auch zu einem Streitgespräch war Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au nicht bereit. So erschienen vergangene Woche in der ZEIT zwei Interviews nebeneinander – eins mit ihr, eins mit Frauke Petry. Der Katholikentag hatte die Partei im vergangenen Jahr von vornherein ausgeladen. Die Frage wurde dann selbstverständlich auch ans evangelische Pendant gerichtet: Wie hältst du’s mit der AfD? Der Kirchentag werde niemanden ausladen, lautete die Antwort. Das Katholikentreffen war in der öffentlichen Wahrnehmung von ebendieser Entscheidung bestimmt. Obwohl nicht anwesend, war der fiese Onkel in Leipzig allgegenwärtig. Diesen Fehler wollte der Kirchentag offenbar nicht wiederholen. Man will sich die Populisten vom Hals halten, ohne ihnen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die AfD soll draußen bleiben, sich aber auch nicht als ausgegrenzt inszenieren können.

Kein leichtes Unterfangen, wie das verklausulierte Statement zeigt, das einige Fallstricke spannt: Da ist der unscharfe und umstrittene Begriff des Rassismus, der nicht näher definiert wird. Ist hier die gängige Auslegung gemeint, Rassist sei, wer andere aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Abstammung diskriminiert? Wird CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer dann wegen seiner Aussage vom fußballspielenden ministrierenden Senegalesen nicht eingeladen? Wie weit dürfen potenzielle Referenten gehen? Und wird der Kirchentag konstruktiv gegen Rassismus vorgehen? Wie hoch wird der Anteil Schwarzer und Geflüchteter im Kirchentagsprogramm sein? Werden Betroffene selbst zu Wort kommen oder wird nur über sie geredet?

Und was ist mit "Verbreitung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeiten" gemeint? Darf, wer Frauke Petrys Ausfälle bei Facebook teilt, nicht beim Kirchentag sprechen? Und hoffentlich kommt niemand auf die Idee, das Programmbuch der letzten Kirchentage auf Eignung der Referierenden zu überprüfen.

Der Kirchentag kann einem leidtun: Das Christentreffen hat es mit einem Problem zu tun, das die ganze Gesellschaft umtreibt. So ziemlich alles wurde schon versucht, um die AfD kleinzukriegen: Sie wurde in Talkshows eingeladen, und sie wurde nicht eingeladen. Sie wurde ignoriert und dann wieder ganz besonders ernst genommen. Mal versuchte man’s mit Witz und dann wieder mit Trillerpfeifen. Nichts hat geholfen.

Man kann die AfD nicht nicht einladen. Sie ist schon da. In Wittenberg, wo sonntags der große Abschlussgottesdienst stattfinden soll, wählte sie bei der Landtagswahl im März jeder Vierte, in Berlin, wo der Großteil der Veranstaltung stattfindet, jeder Siebte. Die AfD-Wähler werden den Teilnehmern ihr Gästezimmer anbieten, ihre Hotels und Restaurants betreiben. Und die AfD ist in den Köpfen. Längst sympathisieren viele Kirchgänger offen mit den Forderungen der Partei.

Bei einer anderen Gruppe war der Kirchentag nicht so zimperlich mit der Ausladung: Messianische Juden sind nicht willkommen. Judenmission sei mit dem jüdisch-christlichen Dialog nicht vereinbar. So weit wollte man bei der Menschenfeindlichkeit nicht gehen. Vielleicht auch, weil der Gegenwind wesentlich stärker wäre als bei einer kleinen Gruppe jüdischer Jesusjünger.

Dem Kirchentag bleibt deshalb nur eins: Die AfD explizit einladen. So wie es vor Kurzem eine Pastorin in den USA mit Donald Trump getan hat. Als er versuchte, die Veranstaltung für seine Zwecke zu nutzen, wies sie ihn in die Schranken und zerrte ihn zurück zum Thema. Das Video ging um die Welt. Es könnte zur Gebrauchsanweisung werden für den Umgang mit Rechtspopulisten und Rassisten. Ihre Argumente sind bekannt, ihre Strategie liegt offen. Es wäre an der Zeit, über den Haussegen hinwegzusehen und reinen Tisch zu machen. Mit Fakten – und mit Herz. Auf dass der Onkel sich zukünftig benimmt.