Er selber hätte so große Worte nie in den Mund genommen, aber mit dem Abschied von dem großen Journalisten Klaus Harpprecht geht etwas zu Ende, das man ein Zeitalter nennen muss. Harpprecht, der in der vergangenen Woche im Alter von 89 Jahren in seinem Haus am Mittelmeer gestorben ist, gehörte zu den Letzten der Generation, die in einem längst verlorenen Krieg verheizt wurde. Wer das wie Harpprecht mit einem Lungendurchschuss überlebt hatte, gehörte danach immer und überall zu den Ersten: den ersten Studenten, den ersten Demokraten, den ersten Journalisten, den ersten Autoren eines befreiten Deutschlands. Hitlers Kindersoldaten waren es, die nach dem Krieg einen neuen Ton finden mussten, neue Ideen, eine neue Lebensart, heute sagt man: eine neue Erzählung für ein neues Land.

Klaus Harpprecht hat diesen Ton getroffen. Er hatte den Swing, der wie gemacht war für die junge Bundesrepublik: eine unnachahmliche Mischung aus amerikanischer Nonchalance und schwäbischer Dickköpfigkeit, die sich seiner Herkunft aus einem protestantischen Pfarrhaus in Nürtingen verdankte. Hier, im schwäbischen Kulturprotestantismus – die Tübinger Juristen-und Theologendynastie der Harpprechts geht auf die "schwäbische Geistesmutter" Regina zurück und machte Klaus Harpprecht zu einem weitläufigen Verwandten von Hölderlin, Uhland, Schelling und Mörike –, waren seine Wurzeln, die auch nach vielen Jahrzehnten in Amerika und Frankreich in seinem samtenen, süddeutsch eingefärbten Idiom hörbar blieben. Dem Vater, der dem Sohn eine Ohrfeige verabreichte, als er ihn bei der Stürmer-Lektüre überraschte, verdankte Harpprecht eine lebenslange Immunisierung gegen jeden politischen Dogmatismus. Sie schützte den Pfarrersssohn nicht nur vor dem nazistischen Virus, das viele seiner Generationsgenossen sich nie mehr ganz aus der Seele schütteln konnten. Sie schenkte ihm eine skeptische Unabhängigkeit und die schnelle Beweglichkeit des Denkens, die ihn früh zum Journalismus trieben.

Sein Lebensmodus war von Anfang an amerikanisch-pragmatisch, frei vom alten deutschen Pathos und Standesdenken, weltläufig und neugierig, bis ins hohe Alter bereit zu neuen Anfängen. Zum Journalisten hat er sich selber ausgebildet. Seine Universität waren die gesammelten Vorkriegsjahrgänge von S. Fischers Neuer Rundschau, die der angehende Abiturient zufällig auf dem Dachboden des Evangelisch-Theologischen Seminars in Blaubeuren gefunden hatte. Hier entdeckte er die moderne Literatur Europas und stellte beglückt fest, dass es in Deutschland eine Welt geistiger Kontinuitäten gab, die vom Nazismus nicht zerstört wurde. Thomas Mann, dem nach dem Krieg wie keinem anderen die Rolle des Lordsiegelbewahrers eines besseren Deutschlands zufiel, wurde für ihn und für viele andere seiner Generation zum prägenden Erlebnis. Seine über 2000 Seiten starke Thomas-Mann-Biografie, die er im Alter akribisch faktenreich, aber nicht ohne ironische Distanz zu diesem Genie kulturbürgerlicher Kälte in sechsjähriger Knochenarbeit verfasst hat, gibt davon Zeugnis.

Ursprünglich wäre er gerne Dirigent geworden. Das Künstlerische, allen voran die Musik (eher Bach als Wagner) und die Literatur (eher Kästner als George), verlockten ihn, doch zwei bereits fertig geschriebene Romane blieben in der Schublade. Zum Glück, wie er später seufzend einräumte. Als Leser bevorzugte er die zur Nüchternheit neigende angloamerikanische Literatur, alles Exzentrische oder abgründig Spekulative stand ihm im Verdacht, mit dem politischen Irrationalismus im Bunde zu sein. "Tiefsinn" war für ihn ein Unwort, auch das durch die Frankfurter Schule und die junge französische Philosophie im Nachkriegsdeutschland zu neuen Ehren gelangte "Andere" der Vernunft fand bei ihm eher ungünstige Aufnahme. Zu den hellen Idealen der Aufklärung gab es keine Alternative. Das Schicksal seiner großen Lebensliebe Renate Lasker-Harpprecht, die vor zwei Jahren zum ersten Mal in der ZEIT von ihrem unwahrscheinlichen Überleben in Auschwitz berichtet hat (ZEIT Nr. 19/14), konnte ihn darin nur bestärken.

Der angehende Journalist, der die Befreiung in einem amerikanischen Gefangenenlager erlebte, in dem ihm täglich für 20 Minuten die Lektüre der Buddenbrooks gestattet wurde, entschied sich früh und vorbehaltlos für die Westbindung seines jugendlichen Geistes. Nach einem ersten Engagement bei der Wochenzeitung Christ und Welt und ersten Berufsjahren als Bonn-Korrespondent für den Rias und den Sender Freies Berlin zog es ihn zu Beginn der sechziger Jahre als erster Korrespondent des ZDF in die USA. Amerika war "die Erfüllung eines Menschheitstraums", sein Freiheitsversprechen ließ die Herzen der jungen Transatlantiker höherschlagen. Im verrauchten Salon des New Yorker Waldorf Astoria traf der 35-Jährige damals den jungen Berliner Bürgermeister Willy Brandt, es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Als Leiter der "Schreibstube" im Kanzleramt verteidigte Harpprecht in den frühen siebziger Jahren, mittlerweile SPD-Mitglied, die Ostpolitik der sozialdemokratischen Bundesregierung – für ihn die unverzichtbare Voraussetzung der unumgänglichen Amerikanisierung Westeuropas, für die er sich einsetzte.

In seinem Tagebuch aus den Jahren an der Seite Brandts trifft man auf einen selbstbewussten, oft überarbeiteten, noch öfter intellektuell entflammten Feuilletonisten im Zentrum der Macht. Im Kanzleramt ist ein rasantes Protokoll, aus dem der große Roman der jungen Bundesrepublik hätte werden können, eine Art Fortsetzung von Wolfgang Koeppens Roman Treibhaus, aus der Feder eines überzeugten Grenzgängers zwischen der Welt des Geistes und der Macht.

Es kam anders. Die frühen Bonner Jahre waren keineswegs jene Postkutschenzeit deutscher Politik, für die sie heute gelegentlich gehalten werden. Harpprecht war von ungeheuerer Produktivität. Er produzierte über 50 Dokumentarfilme, verantwortete Hunderte von Radiosendungen. Für drei Jahre versah er die Leitung des S. Fischer Verlages, um danach für ein Jahr in die Chefredaktion der Zeitschrift Geo zu wechseln. Es war ein rastloses Leben auf der Überholspur des westdeutschen Journalismus, der für seine männlichen Teilnehmer noch sehr viel mehr Glanz, Freizügigkeit, Whisky, Luxus und Amouren bereithielt als heute. Besonders von Letzterem hat Harpprecht am Ende in seinen Memoiren Schräges Licht ausführlich erzählt.

Nach dem Abschluss seiner Autobiografie fühlte er sich in seinem südfranzösischen Refugium über dem Mittelmeer, wo er seit Jahrzehnten mit seiner Frau Renate lebte und in seinem schnörkellosen Stil Buch um Buch schrieb, ein wenig verloren. Seit vielen Jahren war er ZEIT-Autor und kam regelmäßig in die Hamburger Redaktion, zuletzt auf einen versilberten Stock gestützt. Jetzt landeten zunehmend nachdenkliche, traurige Briefe aus La Croix-Valmer auf meinem Schreibtisch. Darin fragte er sich, ob es nach "siebzig Jahren der Schreiberei" nicht genug sei. "Ich bin kein Raddatz", schrieb er nach dem Freitod des ehemaligen ZEIT-Feuilleton-Chefs, "lüge mich nicht durchs Leben, nehme mich nicht einmal halb zu wichtig, bin kein Showmann. Liegt es – durch Raddatz geradezu herausgefordert – nicht nahe, einfach aufzuhören, ohne Abgangstheater?" Worüber sollte er noch schreiben? Die europäische Vereinigung, sein Lebensthema, sah er bedroht. Die neuen Themen aus der elektronischen Welt, schrieb er in seinem letzten Brief, könnten seinen Blick aufs Leben nicht mehr verändern, "eher meinen Blick in die Universen, in denen sich unser bisschen Menschheit wie ein lächerliches Zufallsprodukt ausnimmt". Neue Buchpläne galten Cranach dem Älteren oder Gottfried van Swieten, dem Förderer der Wiener Klassik. "Typische Altersthemen" eben, schrieb er in seinem wunderbar respektlosen, trockenen Humor, der bis zum Schluss auch vor ihm selbst nicht haltmachte. Am vergangenen Dienstag ist er in seiner Wahlheimat La Croix-Valmer zu Grabe getragen worden. Wir werden ihn sehr vermissen.