Mein Sohn ist in Berlin geboren, das schon. Aber dann zogen wir nach München, und unseren Sohn, er war gerade erst ein Jahr alt, nahmen wir natürlich mit. Heute ist er fünf und sagt "Wurscht", wenn er Hunger hat, und "Durscht", wenn er Durst hat – und "Passt schon" sagt er auch. Ich glaube, einmal habe ich ihn sogar "Grüß Gott" sagen hören. Gibt Schlimmeres, ich weiß. Es wäre mir trotzdem recht, wenn mein Sohn nicht auf die schiefe Bahn geriete, nur weil seine Eltern eines Tages meinten, sich aus beruflichen Gründen in der Hauptstadt des Freistaates Bayern niederlassen zu müssen. Er soll bitte schön nicht CSU-Generalsekretär oder so was werden. Aber ich bin da einigermaßen optimistisch.

Was mir jedoch Sorgen macht: Mein Sohn hat Angst vorm Kottbusser Tor. Vor meinem Kotti! Sie wissen schon, das ist diese etwas ausgeartete Straßenkreuzung im Herzen Kreuzbergs, die man aus der überkreuzbergerischen Presse als "Platz der Verdammten", "Platz der Gesetzlosen" oder als "Berlins härtesten Drogenumschlagplatz" kennt. Gerade erst nach Deutschland gekommene junge Männer aus Syrien, Marokko oder Libyen sollen, so ist immer wieder zu lesen, noch aggressiver als früher noch härteren Stoff verticken. Ich bin dort aufgewachsen.

Neulich also waren mein Sohn und ich zu Besuch in meiner Heimatstadt. Wobei ich gleich gestehe, dass ich nicht in Berlin geboren wurde – sondern in Stuttgart. Aber auch meine Eltern beschlossen, der Biografie ihres Kindes früh eine Wendung zu geben, und flohen, als ich noch ein Baby war, Anfang der achtziger Jahre in diese grob geteilte, aufregend vakuumierte Stadt. Damals, lang ist es her, kamen nur solche Schwaben nach Berlin, für die Baden-Württemberg kein sicheres Herkunftsland war. Mein Vater zum Beispiel wollte nicht zur Bundeswehr, und in West-Berlin galt die Wehrpflicht nicht. Wir waren politische Flüchtlinge.

In Berlin heizten wir mit Kohle und aßen Energiebällchen. In meiner Erinnerung lag über dem mit Hundekot versiegelten Kopfsteinpflaster ganzjährig ein Film von gräulichem Schnee. Wenn ich mit meinen Eltern demonstrieren ging – Nato, Häuserkampf, Nicaragua –, war es kalt, und doch brannte die Luft. Die erste Demo, an die ich zurückdenken kann, begann am Kottbusser Tor unter der Hochbahn. Es muss das Jahr 1987 gewesen sein, am 1. Mai desselben Jahres war um die Ecke ein Supermarkt abgebrannt. Später stellte sich heraus, dass ein Pyromane das Feuer gelegt hatte und nicht die Demonstranten aus dem Postzustellbezirk Südost 36, dem SO36, wie auch der Club hieß, in dem meine Eltern Konzerte besuchten.

Mein Lieblingslied war damals Mensch Meier von Ton Steine Scherben, "den Scherben", und ich sang ausdauernd den Refrain: "Nee, nee, nee, eher brennt die BVG!" Das stellte ich mir als die größte anzunehmende Gemeinheit vor, ein brennendes Gefährt der Berliner Verkehrsbetriebe, denn ich liebte die gelb leuchtenden U-Bahnen, deren Türen damals äußerst schwer aufzustemmen waren. Morgens fuhren sie mich in meinen Kindergarten, der – typisch für jene Zeiten und Längengrade – "Kinderladen" hieß, so als könne man dort Kinder kaufen. Dabei waren doch alle gegen den Kapitalismus.

Am meisten von allen U-Bahn-Stationen mochte ich das Kottbusser Tor, weil man dort an einem Bäcker vorbeikam, der "Amerikaner" im Angebot hatte, und die Amerikaner heckten zwar in Nicaragua irgendwas aus, aber sie schmeckten ausgezeichnet, vor allem die mit der dunklen Glasur. Man kam auch an den zusammengesunkenen Gestalten vorbei, die in den Zwischengeschossen des U-Bahnhofs lagen. Meine Eltern schwören heute, ich hätte sie mit festem Händedruck stets in möglichst großer Entfernung an diesen Männern und Frauen vorbeimanövriert, dabei haben die mich, würde ich behaupten, nie verschreckt, eher fasziniert.

Mein Vater erklärte, in den Plastikbeuteln, die manche in der Hand hielten, sei Klebstoff, den sie schnüffelten. Zu Hause roch ich an einem Prittstift, aber es passierte nichts. Überall, hörte ich meinen Vater schimpfen, lägen jetzt Spritzen, sogar auf dem Spielplatz. Wenn ich beim Kinderarzt eine Spritze bekam, fragte ich mich, warum die Leute vom Kotti das freiwillig über sich ergehen ließen. Das Gift mache krank und dumm, sagte meine Mutter.

Irgendwann fielen sie mir gar nicht mehr auf, die Junkies in den langen Gängen unterm Kotti. So wie die Männer, die oben an den Öffnungen zur Unterwelt warteten und an den Junkies verdienten. Und die Punks, Hastemalnemark, die dazwischen auf den Stufen saßen. Sie alle gehörten einfach zum Kotti dazu. Und der Kotti gehörte zu meinem Leben. Ganz in der Nähe des Kottbusser Tors wurde ich eingeschult, eine U-Bahn-Station weiter machte ich mein Abitur, falls man das in Berlin so nennen kann. Wenn ich irgendwo hinwollte, musste ich über den Kotti. Und wenn ich irgendwas erleben wollte, ging ich zum Kotti.

Am Kotti trank ich zum ersten Mal Bier, auf einem Stromkasten sitzend, vor der İşbank-Filiale an der Admiralstraße, Elephant aus der Dose, das hatte 7,5 Prozent. Übrigens war mein Interesse, wirklich harte Drogen auszuprobieren, von Anfang an ausgesprochen gering – zumindest im Vergleich zu späteren Freunden, die auf dem Land aufgewachsen sind –, denn am Kotti im Zwischengeschoss liegen wollte ich nie. Ich wollte auf der Rolltreppe nach oben und dann mit der U-Bahn in die Welt hinaus, die irgendwo hinter dem Ku’damm beginnen musste. Es war aber wiederum am Kotti, dass ich zum ersten Mal ein Mädchen küsste. In der Mitte des Kreisverkehrs, dort, wo das Gras im Sommer aussieht wie die Serengeti.