Am 20. September bricht das Bundesamt für Statistik (BFS) ein Tabu. Es veröffentlicht erstmals Zahlen, die zeigen, aus welchen Ländern die Personen stammen, die 2014 in der Schweiz verurteilt wurden. Die Statistiker erfüllen damit eine alte, wenn auch höchst umstrittene politische Forderung. Nach jahrelangem Gezänk überweist das Parlament 2008 eine SVP-Motion: Die Kriminalitätsstatistik soll nicht länger nur zwischen Schweizern und Ausländern unterscheiden.

Doch wer sich dieser Tage durch die publizierten Excel-Tabellen kämpft, der fragt sich: Was sagen uns diese Zahlenreihen nun? (Spoiler: Weniger, als die SVP gerne hätte.)

Bis vor Kurzem hatten die Statistiker in Neuenburg grundsätzliche Bedenken gegenüber einer solchen Statistik. Noch in diesem Januar, als im Abstimmungskampf um die SVP-Durchsetzungsinitiative sowohl die Befürworter als auch die Gegner exakte Daten zur Ausländerkriminalität verlangten, hieß es beim BFS, die geben wir nicht heraus. "Eine Publikation der einzelnen Nationalitäten würde suggerieren, dass die Nationalität das kriminelle Verhalten beeinflusst", lautete die Begründung.

Nun scheinen die Bedenken verflogen. Oder viel wahrscheinlicher: Der politische Druck wurde einfach zu groß.

Vorletztes Jahr wurden also 1.186 Portugiesen straffällig, 105 Dominikaner, 167 Brasilianer und 93 Menschen aus der ehemaligen UdSSR. Außerdem 12.911 Schweizer und 2.180,5 (sic!) Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien oder Albanien.

Die Statistik zeigt auch, dass sich die Österreicher ebenso gesetzeskonform verhalten wie die Schweizer, die Deutschen aber noch etwas seltener mit straffällig werden. Besonders unbescholten leben in der Schweiz – die Briten.

Unterm Stich heißt das: Bei 41 Prozent der 33.854 verübten Delikte waren Schweizer die Täter. Bei 27 Prozent waren es niedergelassene Ausländer, und fast jedes dritte Delikt begingen Ausländer ohne festen Wohnsitz, allen voran Kriminaltouristen aus Rumänien und Nordafrika. Kurzum, seit einer Woche ist klar: welche Kriminalität hausgemacht ist – und welche importiert.

Was beeinflusst Kriminalität: Nationalität, Geschlecht, Alter oder die Sozialisierung?

So weit, so interessant. Betrachtet man die Statistik näher, fallen zwei weitere Dinge auf: Es wurden sehr viel mehr Männer als Frauen verurteilt, und – je älter die Menschen werden, desto seltener landen sie vor Gericht. Das ist nichts Neues. Ein Team um den Zürcher Strafrechtsprofessor Christian Schwarzenegger untersuchte die Strafurteilsstatistik während eines Zeitraumes von fast dreißig Jahren und fragte nach dem Zusammenhang von Nationalität und Kriminalität. Sie kamen zum Schluss, dass neben dem Alter vor allem die soziale Stellung einer Person entscheidend dafür ist, ob sie auf die schiefe Bahn gerät. Dass es auf die Bildung und das Wohlstandsniveau ankommt, die soziale Vernetzung und die Wertvorstellungen. (Ist zum Beispiel körperliche Gewalt im Herkunftsland ein akzeptiertes Verhalten – oder wird sie geächtet?)

Nationalität hingegen, schreibt Christian Schwarzenegger nach der Publikation der Studie, sei: "eine belanglose juristische Kategorie". Er ist mit dieser Meinung nicht allein. Soziologen warnen vor den verzerrenden Effekten der Kriminalitätsstatistik. Sie vermuten, dass bei Polizeiermittlungen sogenanntes racial profiling betrieben wird. Dass fremdländisch aussehende Menschen häufiger kontrolliert werden als vermeintlich Einheimische. Darum sei bei einem weißen Täter die Chance kleiner, dass er geschnappt werde.

Lügt also die Statistik, weil sie nicht jedes begangene Verbrechen abbildet?

Martin Killias mag diesen Vorwurf nicht mehr hören. Für den Strafrechtler ist klar: "Die eklatanten Unterschiede zwischen den verschiedenen Nationalitäten lassen sich nicht wegdiskutieren mit Methodenproblemen." Er findet es "genauso falsch, die Nationalität zu negieren, wie wenn man behaupten würde, das Geschlecht spiele bei der Kriminalität keine Rolle". Auch soziale Faktoren reichen dem Sozialdemokraten als Erklärung nicht aus: "Armut und Perspektivenlosigkeit kennen auch Tamilen und Inder, die in der Schweiz leben. Warum werden sie trotzdem so viel seltener kriminell als die Westafrikaner?"

Strafrechtler Killias will deshalb über die Migrationsgeschichten diskutieren. Allen voran über die der Westafrikaner. Von den 12 265, die in der Schweiz leben, wurden 2014 379 Personen straffällig, das sind 3,1 Prozent. "Mit welchen Erwartungen kommen diese Leute hierher?", fragt der Professor. "Sind sie integrations- und aufstiegsorientiert, oder wandern sie direkt in den Drogenhandel ein, weil dies ökonomisch gesehen eine sinnvolle Option für sie ist?"

Killias vergleich die Westafrikaner mit den begabten Bündnern, die im 19. Jahrhundert als Zuckerbäcker nach Italien auswanderten, oder den kräftigen Italienern, die im 20. Jahrhundert als Straßenbauer in die Schweiz kamen. "Alle haben eine aus ihrer Sicht sinnvolle Marktlücke gefunden." Bei den Westafrikanern sei es halt: "der Drogenvorteil. Das europäische Kokain gelangt über die failed states im Westen Afrikas zu uns." Solche Zusammenhänge aufzuzeigen und "nüchtern zu analysieren", das sei mithilfe der nun publizierten Statistik möglich, sagt Kilias. Im besten Fall könnten die Erkenntnissen die Schweizer Drogenpolitik verändern. "Ich bin überzeugt: Wenn man den Konsum von Kokain hart bestraften oder eine Art Methadon-Abgabe einführen könnten, würde das Geschäftsmodell der Drogenhändler hinfällig."

Eine einzelne Statistik bereitet also das Terrain für eine neue Politik.