Wer Max Mannheimer einmal in seinem silberfarbenen Tatra 87 mit dem Baujahr 1938 vor einer Schule vorfahren sah, der wusste, dass der als Holocaust-Zeitzeuge angekündigte ältere Herr die Herzen der Schüler bereits gewonnen hatte, bevor er zu erzählen begann.

Wenn er über die rote Fahrerbank dem Auto entstieg, bildeten sich Trauben von Schülern um das wie aus einem utopischen Film in der Schülerrealität gelandete Fahrzeug. Er erklärte stolz, das Steuerrad auf der rechten Seite belege, dass das Fahrzeug vor der Annexion des Sudetenlandes im Oktober 1938 gebaut worden sei. Geschenkt bekommen hatte er sein liebstes Spielzeug erst im Alter, von seinem Bruder Edgar, neben ihm der einzige Überlebende der einstmals großen Familie Mannheimer. Es war eine Erinnerung an die Kindheit vor dem deutschen Einmarsch im Sudetenland. Die Tatra-Autofabrik, vom kleinen Max bewundert, lag in der Nähe seines mährischen Heimatortes Neutitschein (Nový Jičín).

Max Mannheimer war das, was man den idealen Zeitzeugen nennen könnte. Er hatte eine unnachahmliche Gabe, auch ernste Dinge mit einer Portion Humor zu erzählen, aus noch so grauenvollen Erlebnissen Lebensmut zu schöpfen und in jedem Abgrund den Weg nach oben zu entdecken. Anders hätte er wohl die Leidensjahre in Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und Dachau sowie dessen Außenlagern Karlsfeld und Mühldorf nicht überleben können. Nicht nur seine Eltern und meisten Geschwister wurden während des Holocaust ermordet, sondern auch seine erste Frau Eva. Später musste er den Tod seiner zweiten und dritten Frau erleben.

Wie viele andere Holocaust-Überlebende war Max Mannheimer ein später Zeuge. Zwar schrieb er schon in den sechziger Jahren für seine Tochter sein Spätes Tagebuch nieder, doch veröffentlicht wurde es erst 1985. Erst zu dieser Zeit begann er über die Leidenszeit zu sprechen, eilte unermüdlich von Schule zu Schule, hielt öffentliche Vorträge, wurde Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, eines Zusammenschlusses ehemaliger Häftlinge, und erhielt so ziemlich alle wichtigen offiziellen Auszeichnungen, die in Deutschland verliehen werden.

Besonders freute er sich über den Ehrendoktor der Ludwig-Maximilians-Universität München und darüber, dass in Dachau ein Studienzentrum seinen Namen trägt. Denn auch wenn er an seinem 95. Geburtstag mit dem ihm eigenen schelmischen Lächeln verkündete, die Gäste seien ebenfalls zu seinem hundertsten eingeladen, so wusste er doch nur allzu gut, dass bald Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen Ersatz für die letzten Zeitzeugen finden müssten.

Seine eigene Stimme wird zum Glück für die nächsten Generationen nicht gänzlich verstummen. Die Autobiografie Drei Leben, seine unter dem Pseudonym Ben Jakov gemalten eindrucksvollen Bilder und der Dokumentarfilm über sein Leben, Der weiße Rabe, lassen Max Mannheimer, der im Alter von 96 Jahren am 23. September in München verstorben ist, weiter von größten Schrecken und seiner noch größeren Liebe zu den Menschen erzählen.

Nur der Tatra wird nicht mehr dabei sein.

Michael Brenner ist Professor für Jüdische Geschichte an der Universität München