Verglichen mit Monsanto, wirkt selbst der Leibhaftige harmlos. Seit Jahrzehnten steht der Chemie- und Saatgutkonzern aus dem amerikanischen St. Louis für alles Schlechte des globalen Agrobusiness. Während des Vietnamkriegs lieferte Monsanto das berüchtigte Entlaubungsmittel Agent Orange an die amerikanischen Streitkräfte, die damit Krankheit und Elend über die Bevölkerung brachten. Später warfen Bürgerrechtler dem Konzern vor, mithilfe von patentiertem Saatgut indische Kleinbauern reihenweise ökonomisch abhängig gemacht und in den Selbstmord getrieben zu haben – was Monsanto bestreitet. Derzeit steht der Konzern für sein Pflanzenschutzmittel Glyphosat in der Kritik, das möglicherweise krebserregend ist.

Ausgerechnet dieses Unternehmen will der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern Bayer nun übernehmen. Vorstandschef Werner Baumann weiß, welches Konfliktpotenzial der Plan birgt. Das belegen Protokolle eines "Global Town Hall Meetings" mit Mitarbeitern von Monsanto. Bayer habe ein "erstklassiges Image" und gelte als "sehr, sehr verantwortungsbewusst", erzählte Baumann da, die Reputation von Monsanto in Deutschland und Frankreich sei aber "sehr, sehr schlecht".

Darüber hinaus droht die Übernahme nun auch noch sehr, sehr teuer zu werden – sofern sie überhaupt gelingt. 66 Milliarden Dollar in bar will Baumann bezahlen, das entspricht 128 Dollar für jede Monsanto-Aktie und ist mehr, als je ein deutsches Unternehmen für eine Firma bezahlt hat. An der Börse jedoch bewegt sich der Kurs der Monsanto-Aktien derzeit nur bei gut hundert Dollar. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Aktionäre immer noch an dem Deal zweifeln, sagt Zacharias Sautner von der Frankfurt School of Finance. Die Forschung zeige, dass der Käufer am Ende eines Übernahmerennens zu viel bezahle – ein Phänomen, das die Literatur als winner’s curse kennt.

Die Skepsis der Investoren hat drei Gründe. Der erste ist das politische Risiko. Die US-Regierung lässt Übernahmen von strategisch bedeutenden US-Unternehmen durch ausländische Käufer häufig sehr genau überprüfen. Der zweite hat damit zu tun, dass weltweit mehr als 30 Behörden der Übernahme zustimmen müssen und die Marktmacht eines vereinigten Saatgut- und Chemiekonzerns zu groß werden könnte. Und drittens muss Baumann noch erklären, warum ein Unternehmen mit derart schlechtem Ruf so viel Geld wert sein soll.

An einem Abend im September ist es wieder so weit. Bayer hat zu einer Investorenkonferenz nach Köln gebeten, samt Empfang im Schokoladenmuseum. Geladen sind Investoren und Finanzanalysten, die Presse ist nicht erwünscht. Den Wunsch nach einem Gespräch mit Baumann hat Bayer abgelehnt. Wer sich aber vor der Tür des Museums umhört, bekommt einen Eindruck von den Fragen, die er beantworten muss. Ein Investor findet, die Unternehmen passten gut zusammen. "Zu teuer" sei die Übernahme, sagt dagegen eine Investorin. "Sich so ein Schmuddelkind in den Konzern zu holen", wendet ein Mann ein, "ist eine riesige Aufgabe." Dann gehen sie hinein, hinter ihnen schließen sich die Türen.

Die Topmanager betonen dieser Tage, dass Megafusionen Fortschritt bringen

Wenn Baumann und seine Manager in diesen Wochen den Plan verteidigen, verwenden sie eine Präsentation, die eine Reihe großer Zahlen enthält. Sie sollen wie Aspirin wirken und die Kopfschmerzen jener vertreiben, die an der Übernahme zweifeln.

Da seien erstens die Ersparnisse. In drei Jahren, nach dem Vollzug der Übernahme, würden Synergien Bayer jährlich etwa 1,5 Milliarden Dollar bringen – vor allem dank niedrigerer Kosten.

Zweitens versprächen große globale Trends langfristig gute Geschäfte für Hightech-Agrarprodukte. Im Jahr 2050 werden zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, während der Klimawandel die Ernteerträge um ein Fünftel sinken lasse.

Drittens müssten Landwirte also um 60 Prozent produktiver werden, wobei Bayer und Monsanto helfen würden. So argumentiert Baumann.

Die Argumentation klingt bekannt. Dass Megafusionen mehr Forschung und Fortschritt brächten, haben in den vergangenen Monaten auffällig viele Topmanager aus der Agrarchemie betont. Es gab ja auch eine gewaltige Konzentrationswelle. Im Februar erst hatte der chinesische Chemiekonzern Chem China angekündigt, den Schweizer Konkurrenten Syngenta zu übernehmen. Die amerikanischen Konzerne Dupont und Dow Chemical schließen sich zusammen, die Düngemittelproduzenten Potash und Agrium fusionieren.