Was taugt die Idee, zu reden (oder zu schreiben) wie ein Rechtspopulist, während man in Wirklichkeit keiner ist – um die Welt auf diese Weise vor den echten Rechtspopulisten zu bewahren? Diese anspruchsvolle Methode hat ihre Risiken. Es kann passieren, dass der Schauspieler eins mit seiner Rolle wird. Gerade noch wollte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer "Protestpotenzial reduzieren", jetzt haben sich die Gedanken verselbstständigt, und die in Deutschland lebenden Senegalesen erscheinen ihm wirklich als drängendes Problem unserer Zeit.

Aber die Anpassung an rechtspopulistische Ideen birgt noch eine weitere Gefahr. Beim Versuch, die Rechtspopulisten durch Rechtspopulismus überflüssig zu machen, landet man vielleicht so weit rechts, dass man selbst überflüssig wird.

Der Franzose Nicolas Sarkozy hört seit seiner Bewerbung als republikanischer Präsidentschaftskandidat gar nicht mehr auf mit Vorschlägen vom rechten Rand: Statt Terrorverdächtige zu überwachen, soll der Staat sie gleich einsperren. In Schulkantinen sollen die Kinder essen, was auf den Tisch kommt, wer kein Schweinefleisch mag, isst eben nichts zu Mittag. Bei der Vergabe der Staatsbürgerschaft soll das Geburtsortprinzip weiter eingeschränkt werden. Sarkozy schließt ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft nicht mehr aus. Der Klimawandel ist so schlimm auch wieder nicht. Und warum keine Koalition mit Putin bilden?

All diese Ideen könnten von Marine Le Pen stammen. Es wäre für sie jetzt ein guter Moment, die Welt wissen zu lassen: Hab ich doch schon die ganze Zeit gesagt! Doch der Rechtspopulismus ist in Frankreich viel weiter. Er hat die Phase des Beleidigtseins längst überwunden. Marine Le Pen denkt nicht – wie die AfD – bloß darüber nach, ob sie irgendwann vielleicht wirklich regieren will. Sie will wirklich regieren, und zwar jetzt. Der Front National ist keine Chaostruppe, die an der europäischen Flüchtlingskrise hängt wie am Tropf. Die Methode ist nicht mehr die des kalkulierten Ausrutschers, der auf empörte Berichterstattung hofft. Im Gegenteil. Marine Le Pen ist die Beherrschung in Person, während den anderen aus Angst vor ihrem Erfolg die Nerven durchgehen.

Seine "Erregtheit" sei ihr zuwider, sagte sie also über Nicolas Sarkozy. Damit spielt Le Pen nicht nur auf die bekannte Schwäche des Ex-Präsidenten an, seine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Komiker Louis de Funès. Vor allem hat sie auf diese Weise den bürgerlichen Kandidaten rechts von sich platziert. Nicht nur die neue Rechte Europas kann von dieser avancierten Form des Populismus lernen – sondern auch diejenigen, die ihn verhindern wollen.

"Ich werde nur von Frankreich sprechen, von nichts anderem", sagte Marine Le Pen vorvergangene Woche bei einer Parteiveranstaltung in Fréjus. So leicht ist es für sie inzwischen, die anderen als Getriebene ihrer Ambitionen erscheinen zu lassen, während sie Größeres im Blick hat.

Sie muss sich jetzt, ein paar Monate vor der Wahl, nur noch in Andeutungen äußern – eine Art des Sprechens, die sowieso viel besser geeignet ist, wenn es um so etwas Fluides wie Identität geht. Sie redet von Liebe, Hoffnung, Herz. Sollen die anderen sich um Detailfragen kümmern wie die, wer wo eingesperrt wird oder nicht.

Der Rollentausch des Bürgerlichen mit der Rechtsextremen stellt eine Annahme infrage, die man hier in Deutschland seit dem Erstarken der AfD mitschleppt, ohne sie regelmäßig zu überprüfen: Kinder und Narren und Rechtspopulisten sprechen die Wahrheit, heißt es. Die AfD drückt demnach das aus, was die Leute wirklich in ihrem Inneren bewegt. Ganz so als verfüge die Partei über die magische Fähigkeit, in die Herzen der Menschen zu sehen, wo sie Geiz, Angst und Enge erblickt.

Sicher haben die Rechtspopulisten manches Problem benannt, das andere ignoriert haben. Aber richtig logisch ist es natürlich nicht, warum gerade die Politiker, die ein, vorsichtig gesagt, pessimistisches Menschenbild pflegen, so frei vom Machtimpuls sein sollen, dass sie gar nicht anders können, als die Wahrheit zu sagen.

Irgendwie ist aber in den vergangenen Monaten die naheliegende Idee verloren gegangen, dass Rechtspopulisten deshalb so erfolgreich sind, weil sie manipulative Redner sind. Die AfD holt die Ängstlichen ab, aber sie verängstigt die Leute auch mit Horrorgeschichten über Muslime und das Ende des Deutschseins. Die Rechtspopulisten in Europa sind die Stimme der Wütenden, aber sie erschaffen die Wut auch.

Le Pen hatte in Fréjus noch andere Metaphern für ihre Zuhörer dabei: Frankreich muss Brüssel, Berlin, Washington gehorchen, schweigen, sich bücken. Frankreich ist in dieser Rede nicht mehr das Land, dem die EU hohe Strafzahlungen wegen anhaltender Haushaltsdefizite erlässt, Frankreich ist eine vergewaltigte Frau. Da muss man auf die Aggression nicht lange warten.

Marine Le Pen führt nicht die größte rechtsextreme Bewegung der westlichen Welt an, weil sie interessante Lösungsvorschläge im Angebot hat, die dann alle gemeinsam konstruktiv diskutieren können. Sie führt, weil sie ihre Gabe perfektioniert hat, eine Stimmung der Furcht und Kränkung herzustellen, in der sie dem Wähler ihre rettende Hand reicht. Und Sarkozy – ist überholt.