Eine Assistenzärztin blickt aus dem Fenster. Es ist kurz nach acht am Morgen, draußen: kein Regen, kaum Licht. Notaufnahmewetter, diagnostiziert sie, heute wird es voll. Die Assistenzärztin blickt wieder aus dem Fenster, kurz nach halb neun, draußen: starker Regen. Sie korrigiert sich: kein Notaufnahmewetter mehr.

Notaufnahme. Die, die in Not sind, werden aufgenommen. Wer du bist – egal. Wie du kommst – egal. Woher du kommst – egal. Und auch was du hast – erst mal egal. Dieser Ort bietet ein Versprechen: Wir helfen dir! Wir hören uns an, was du hast. Wo gibt es so was? Was für ein Service!

Deswegen spricht die Assistenzärztin von Patienten, die kommen, wenn das Wetter nichts Dolles verheißt, man sich aber doch mal die Beine vertreten kann: Gehen wir doch mal in die Notaufnahme, da hat doch was gezwackt letztens. Natürlich: Es kommen Notfälle. Aber: Was ist Not? Atemnot? Druck auf der Brust, Magenbeschwerden, Husten, der nicht aufhört? Und was, wenn doch, hätte ich, müsste ich, was, wenn es sonst zu spät ist?

Die Notaufnahme ist ein Ort, den es sonst kaum gibt: so rau, so roh, ein Ort, an dem sich Leben verändern, Leben enden, Leben verlängern. Der Mensch kommt, Maske ab, Kleider weg, nackt, entblößt steht er da, zeigt seinen brüchigen Körper und seine brüchige Seele. Gehen wir also in die Notaufnahme, um zu erfahren: Was sind die Ängste, die Sorgen, was ist Not? Wir haben Ärzte, Pfleger, Schwestern aus zwei Hamburger Notaufnahmen, dem Marienkrankenhaus in Hohenfelde und im Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelmsburg, bei der Arbeit beobachtet und mit ihnen gesprochen – über einen Alltag, der für andere Ausnahmezustand ist, über Symptome und mögliche Ursachen. Ihre Antworten ergeben eine Diagnose für einen schwierigen Patienten: die Gesellschaft. Wie ist der Befund?

Ein Mann ruft an, Notaufnahme Groß-Sand: Er habe Bauchkrämpfe und Durchfall, sei ein- bis zweimal zur Toilette gegangen.Trinken Sie Tee, essen Sie Salzstangen, sagt die Schwester. Wenn Sie ein- bis zweimal auf Toilette waren, ist das noch kein Durchfall. Er lässt sich nicht abwimmeln. Schwester: Haben Sie denn was Falsches gegessen? (...) Ach, es ist besser geworden. (...) Ja, Sie können kommen, aber wenn es besser geworden ist, dann warten Sie doch erst mal ab. Als er auflegt, sagt sie: Vielleicht lag ja nur ein Pups quer?

Eine Patientin sagte: Ich war so allein, mir tut das Herz weh. Ich weiß, dass ihr mir helfen müsst. Schwester, Groß-Sand

Wir müssen sortieren: Ist es ein Notfall oder keiner? Es gibt natürlich echte, es ist aber auch viel, lax gesagt, Dödelkram dabei. Leitender Oberarzt, Groß-Sand

Jeder Patient, der herkommt, empfindet sich erst mal als Notfall: egal, ob es ein umgeknickter Fuß ist, ein Schlaganfall oder eine Herpesblase an der Lippe. Pflegerische Leiterin, Marienkrankenhaus

Das Gefühl, ein Notfall zu sein, lässt viele zum Arschloch werden: Vorgestern hatte ich einen Mann, leicht betrunken, der der Meinung war, er kriegt keine Luft. Mich bezeichnete er als bösen König und als Nazi. Pfleger, Marienkrankenhaus

Der eine mag seinen seit 14 Tagen andauernden Schnupfen als etwas ganz Fürchterliches empfinden, der andere nicht. Ich muss die Gründe nicht nachvollziehen, warum die Menschen hergekommen sind. Natürlich frage ich mich das, aber es steht mir nicht zu, laut zu sagen: Stell dich mal nicht so an. Pflegerische Leiterin, Marienkrankenhaus

Vier von fünf, schätze ich, sind Angstpatienten. Die muss man nur beruhigen. Viel Arbeit für nichts. Aber wie sollen wir trennen? Wir können ja nicht sagen: Nur die, die bluten. Assistenzarzt, Groß-Sand