Die Hoffnung, sie speist sich an diesen beiden langen Mozart-Abenden aus zwei Momenten. Die Hoffnung, dass zwei Schauspielregisseure, Jette Steckel in Hamburg und Robert Borgmann in Berlin, Mozarts Musiktheater so für sich entdecken, dass es alle plötzlich wieder neu und frisch ergreift – so frisch und neu, wie es ist, schließlich altert Mozart nicht. Und die Hoffnung, dass die relative Jugend der Macher, 34 und 36, auch eine Verjüngung des eigenen Blicks nach sich zöge. Sicher ist Alter kein Argument, weder für gute Kunst noch dagegen. Dennoch gibt es so etwas wie einen künstlerischen Generationenvertrag, und der sieht vor, dass die Jungen die Alten an ihrer Neugierde teilhaben lassen, ihrer Vitalität und Fantasie. Insofern sind junge Gesichter nötig, diesseits wie jenseits des Orchestergrabens – ganz abgesehen davon, dass ästhetisch eine Schneise zu schlagen wäre zwischen den notorischen Politisierern auf der einen Seite der Opernregie und den unverbesserlichen Kulinarikern auf der anderen.

Zwei Momente also, die sagen: Es geht weiter. In Hamburgs neuer Zauberflöte, einer Coming-of-Age-Geschichte, der Florian Lösches Bühnenbild wie ein Mühlstein um den Hals hängt, findet er sich im zweiten Akt, kurz vor Paminas berühmter, ein wenig altkluger g-Moll-Arie, in der sie die Bedingungslosigkeit ihrer Liebe zu Tamino besingt und bereit ist, dafür in den Tod zu gehen. Da stehen Tamino und sein Weggefährte Papageno wie zwei Findelkinder nebeneinander, und aus Lösches bühnenfüllendem LED-Leuchten-Wald, der technisch alles kann und für Mozart doch zu wenig, beginnt es in langen, kalten Tropfen zu regnen. Die beiden ziehen sich ihre Jacke über den Kopf, zittern, frieren. Unbehauster kann der Mensch nicht sein in der Welt, und für diesen Beckettschen Augenblick gelingt, was Steckel und Lösche sich wohl versprochen haben von all dem Aufwand, den sie treiben, von allem Geflimmer und Geflacker, von Datenströmen und Zeittunnel, Mitsingnummern und den handlichen roten Leuchtpfeilen, mit denen die Figuren hier durchs Bühnendasein navigieren.

Witzig ist der Beginn dieser Saisoneröffnungspremiere an der Hamburgischen Staatsoper: In der ersten Reihe sitzt mit Rauschebart der greise Tamino und lässt, was man schnell begreift, sein Leben Revue passieren. Alsbald aber kollabiert er und wird von Rettungskräften aus dem Saal gehievt. Als fräße das Musiktheater seine Kinder. Als könnte jede neue Zauberflöte lebensbedrohlich sein – weil eine Zauberflöte zu viel. Ach, ginge es auf der Opernbühne doch so existenziell zu!

In der Così fan tutte -Neuinszenierung an der Deutschen Oper Berlin zwei Tage später konzentriert sich der Moment der Hoffnung auf einen Schnurrbart. Diesen klebt sich Fiordiligi, die Sopranistin und Treuere der beiden von ihren Verlobten auf alberne Treueprobe gestellten Frauen, in einer finalen Aufwallung von Standhaftigkeit ins Gesicht – entschlossen, Männerkleider anzulegen und ihrem fernen Geliebten in den Krieg zu folgen. Die Verführung aber in Gestalt des Tenors Ferrando lässt in Duett Nr. 29 nicht lange auf sich warten, und noch bevor sie sich dem Fremden hingibt, legt Fiordiligi die Klamotten wieder ab. Nur das Bärtchen bleibt kleben, schon sieht man es über den ersten Kuss hinaus auch kleben bleiben, weil Mozart in seiner "Scuola degli amanti" weder Männer- noch Frauenklischees komponiert, sondern die ganze Fadenscheinigkeit menschlichen Begehrens – da sieht man sich getäuscht: Der Bart kommt weg, befindet Robert Borgmann, keine Experimente, und so geschieht’s.

Hätte in Berlin wirklich Regie stattgefunden, der Abend wäre zu Großem fähig gewesen. Denn an Robert Borgmann, dem studierten bildenden Künstler, der seine Räume gern selbst entwirft, ist zweifellos ein Bühnenbildner verloren gegangen. Den ersten Akt lässt er in einem surrealistischen Zaubersalon spielen, inmitten von Spiegelwänden, Nadelgewächsen und allerlei Rokoko-Versatzstückchen. Zusammen mit den laufstegreifen Kostümen von Michael Sontag entfaltet das etwas Rares: Atmosphäre. Doppelt schade, dass Borgmann das Niveau im zweiten Akt nicht halten kann und die jungen, spielfreudigen Sänger tun, was sie in Così fan tutte seit je tun: Sie protzen, prusten und chargieren, als wäre Mozarts geniales Zwischen-den-Zeilen-Komponieren ein Freibrief für jede konventionelle Blödigkeit. Am blödesten, wenn die beiden liebeskranken Verführer, als die die Verlobten sich ausgeben, unter Despinas "magnetischen" Kräften reanimiert werden müssen. Früher diente dieser Zappel-Szene ein großes Hufeisen als Werkzeug, jetzt ist es ein Paar Glitzerhandschuhe mit Leuchtdioden dran. Die Liebe als Lachnummer.

Und die Musik? Sie verzückt und verstört, kennt Schönheit, funkelnden Witz und beißenden Spott und lässt den Zuhörer, typisch Mozart, in der Wahrheitsfindung allein. Den aktuellen Aufführungen hilft das wenig. Der Hamburger Zauberflöte nicht, weil Jean-Christophe Spinosi mit seiner Idee einer klangrednerisch durchgestalteten Partitur zwar beim Hamburgischen Staatsorchester Effekt macht, keineswegs aber bei den Sängern, die unverzeihlich viele Wünsche offen lassen. Und in Berlin nicht, weil das Così- Ensemble zwar höchst ansprechend singt, es Generalmusikdirektor Donald Runnicles im Graben aber weder gelingt, der akustischen Tücken des seitlich offenen Bühnenbildes Herr zu werden (weswegen der Klang in dem ohnehin viel zu großen Haus oft wegsuppt), noch Mozarts Liebesmechanik zu beseelen.

Altert Mozart wirklich nicht? Erste Fältchen sind gewiss nicht zu leugnen. Aber es wäre doch gelacht, wenn sich dagegen kein Mittelchen finden ließe.