Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Der Internetauftritt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist das Zentralorgan für politische und sprachliche Korrektheit, getreu der Devise des ORF, die Visitenkarte Österreichs zu sein. "Faule Trauben erschweren Weinlese", stand dort vor einigen Tagen in der Rubrik Regionalnachrichten zu lesen. Eine bemerkenswerte Meldung, denn der Laie hatte ja bis zu diesem, die Augen öffnenden Bericht gar keine Ahnung, dass es auch unter den Weintrauben – so wie im richtigen Menschenleben – solche und solche gibt. Die fleißige Traube hilft dem Weinbauern offensichtlich bei der Lese, während die anderen, die arbeitsscheuen, nur so am Rebstock herumhängen. Und weil Müßiggang aller Laster Anfang ist, wird in Jahren, in denen die Trauben besonders träge in ihrer sozialen Hängematte baumeln, der Wein auch ein säuerliches Gesöff, das der Fachmann Plörre nennt. Nicht auszudenken, was diese neue Erkenntnis über das wahre Wesen des Gemischten Satzes, nämlich dass Traube nicht gleich Traube ist, politisch bedeutet. Bislang war man ja der naiven Ansicht, dass Sozialschmarotzertum ein Phänomen ist, das nur im sozialen Verband, den der Homo ludens bildet, vorkommen kann. Nun dräut der furchtbare Verdacht, auch Obst und sogar Gemüse wären zu derartig schändlichem Verhalten fähig. Die faule Karotte etwa, welche die optimale Entstehung einer Rindssuppe verhindert, indem sie in der Brühe vor sich hin müffelt. Oder ist gar der faule Erdapfel jener Parasit, der das Püree in den Kochtöpfen zu einem fahlen Abklatsch vergangener Tage verklumpen lässt? Gerade diese an sich nahrhafte Bodenfrucht verdanken die Europäer der Neuen Welt. Aber vielleicht war ihre Atlantiküberquerung ja einst ein perfider erster Versuchsballon, der nun in TTIP münden wird, jenem von langer Hand geplanten Handelsharakiri, das der Alten Welt zum Verhängnis werden soll? Metaphorisch gesprochen, und da muss man dem freiheitlichen Präsidentschaftskandidaten einfach recht geben: Die eingewanderte faule Knolle wird dem Kontinent im Halse stecken bleiben, und es wird den Menschen wenig helfen, dass sie an diesem Schicksal, das sie selbst heraufbeschworen haben, noch verzweifelt würgen werden. Die Gefahr besteht hier im Unsichtbaren. Denn fauliges Obst und Gemüse ist auf den ersten Blick erkennbar, faule Früchte hingegen nicht, weil sie nicht anders aussehen und riechen wie die fleißigen. Diese heimliche Unterwanderung des Systems führt zu kulinarischen Missernten. Dasselbe kann auch bei der Sprache passieren. Bevor man’s merkt, dass etwas faul ist, kommt es schon zu fauligen Kompromissen. Das Ergebnis sind gedankliche Missernten durch faule Wörter. Davor bewahren uns zum Glück sprachliche Instanzen wie die Redakteure der ORF-Nachrichtenseiten.