Wenn alles stimmt, was in den vergangenen Wochen über mich geschrieben wurde, bin ich ein arbeitsloser, asozialer Superproll, der AfD wählt, "Neger" sagt und Flüchtlinge verprügelt. Ich komme nämlich aus dem Teil Deutschlands, den viele "Dunkeldeutschland" nennen. Ich komme aus Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern.

Nach der Landtagswahl dort, bei der jeder Fünfte die AfD gewählt hat, schrieb Spiegel Online vom "passiv-aggressiven Land" und die Süddeutsche Zeitung von einem "Kettensägenmassaker", als lebten an der Ostsee nur Psychopathen. Auf Facebook diskutierten selbst gebildete Menschen darüber, ob sie ihren Urlaub auf Rügen oder Usedom stornieren sollten. Und auf Twitter postete ein ehemaliger Landtagsabgeordneter der Grünen aus Hessen: "#MecklenburgVorpommern, das am dümmsten besiedelte Bundesland. #AfD". Plötzlich waren sie wieder da, die Klischees vom dummen, gewaltbereiten, fremdenfeindlichen Ossi.

Wenn von Ostdeutschland die Rede ist, scheint es nur eine große Erzählung zu geben. Die Erzählung handelt nie von den Ostdeutschen, die ich kenne. Sie handelt nie von den fast 80 Prozent, die nicht die AfD gewählt haben. Sondern immer nur von Rassismus und Arbeitslosigkeit, von Hartz IV, Neonazis und Abwanderung.

Es sind vor allem Westdeutsche, die diese Erzählung unaufhörlich wiederholen. Sie beugen sich über Ostdeutschland wie über einen kranken Patienten. Sie schauen auf den Osten herab, weil sie ihn nicht kennen. Aber der hässliche Deutsche wohnt nicht nur in Ostdeutschland.

Das heißt nicht, dass ich Heidenau und Freital und Clausnitz und Bautzen verharmlosen oder verschweigen möchte. Genauso wenig wie die Pegida und die AfD. Oder die Studien, die zeigen, dass Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland besonders viel Zuspruch findet. Ich kenne auch die Statistiken, die belegen, dass es hier überproportional viele rechtsextreme Übergriffe gibt. Ich schäme mich dafür.

Wogegen ich mich aber wehre, sind die Vorurteile und Verallgemeinerungen gegenüber Ostdeutschen, die 26 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch so lebendig sind. Nicht nur nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern.

Ich bin 1987 in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt, und lebe mittlerweile in Hamburg. Hier mal ein paar Sätze von Freunden, Bekannten, Kollegen, von Gleichaltrigen und Älteren, gesammelt in den vergangenen Monaten:

"Ach, du kommst aus dem Osten, das merkt man dir ja gar nicht an."

"Warum stellt ihr euch denn so an? Wir haben doch nach der Wende auch 20 Millionen Flüchtlinge aufgenommen."

"Sachsen raus aus Deutschland!"

"Ich fahre jedes Jahr an die Ostsee in den Urlaub, da ist es wunderschön, wenn nur die Menschen nicht wären."

Selbstverständlich war keiner dieser Sprüche böse gemeint, alles nur ein Scherz, die anderen haben viel gelacht. Ich lächele die Sprüche weg, aber innerlich kränken sie mich. Ihre Pointen funktionieren nur, weil in den Köpfen noch eine Mauer steht. "Ossi" ist für viele immer noch ein Schimpfwort.