Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Himmlisch-Plaudern.de hat mir eine Mail geschickt. Ganz klar, ich gehöre zur Zielgruppe, denn die Macher schreiben: "Für alle, die sich nach Innovation, Design und endlich etwas Neuem sehnen. Für alle, denen Vernetzung unter Christen am Herzen liegt." Nun ja, fast ganz klar. Das mit Innovation und Design stimmt, Vernetzung unter Christen ist prima, aber als ich weiterlese, wird mir deutlich, dass mit der Sehnsucht nach Neuem durchaus auch die Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht gemeint ist. Zwar richtet sich das Forum nicht nur an Singles und versteht sich nicht als Partnervermittlung, aber "1,9 Menschen finden auf Himmlisch-Plaudern täglich einen neuen Partner", heißt es. Das versuchen auch Sina, Louay, Tineee (tatsächlich mit drei "e") und jemand, der sich "der Einsame" nennt.

Der "Einsame" tut mir etwas leid. Während Sina und die anderen fröhlich in die Kamera lächeln, blickt er traurig auf das Display einer altertümlichen Rechenmaschine. "So wird das nichts, Einsamer", möchte ich ihm zurufen. "So bleibst du, der du bist!" Ich überlege schon, ob ich dem Einsamen schreiben soll, um ihn darauf hinzuweisen, aber mein Mann ist dagegen. Er meint, der Einsame könnte meine Mail falsch verstehen, nämlich in dem Sinn, dass ich Interesse hätte, mit ihm Neues kennenzulernen und mich mit ihm zu vernetzen, langfristig nicht nur im Netz.

Das will ich nun wirklich nicht, nur helfen, das ist eben meine zweite Natur als Pfarrerin! Allerdings sollte die Hilfe auch nicht zu weit gehen, da hat mein Mann schon recht. Himmlisch-Plaudern fragt übrigens auch nach der Glaubensrichtung, die meisten der Kontaktsuchenden sind Christen, nur Tineee gibt konkreter an, dass sie dem Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden angehört. Ich finde es praktisch, wenn man den Glauben teilt, es ist für mich schön, dass mein Mann und ich beide fromme Seelen sind. Die persönliche spirituelle Ausrichtung ist ganz wichtig, und da kommt es den Vernetzungssuchenden entgegen, schon beim ersten Klick zu wissen, wie der oder die andere so orientiert ist.

Irritierend finde ich aber den Hinweis "1,9". Klar, das ist das mathematische Ergebnis. Aber es klingt doch so, als ob die Partnerschaften, die dank Himmlisch-Plaudern.de täglich entstehen, nicht ganz vollständig seien. Es fehlt ein Zehntel. Das könnte man natürlich auch im Blick auf die Erschaffung des Menschen theologisch deuten – schließlich wurde Adam ein Stück der Rippe genommen. Die zu 2 fehlenden 0,1 stünden dann für dieses entnommene Knochenstück. Oder aber es könnte ein Hinweis darauf sein, dass noch nicht alle auf die Frage der Plattform geantwortet haben, ob ihre Partnerschaft dank Himmlisch-Plaudern entstanden ist. Denn die Macher schreiben: "Da die Rückmeldung freiwillig ist, ist die Erfolgsquote vermutlich deutlich höher." Das bringt mich nun wirklich durcheinander. Hätte Himmlisch-Plaudern.de tatsächlich die Möglichkeit, irgendwen zu einer Rückmeldung zu zwingen?